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Wjatscheslaw Daschitschew : Eine sowjetische Dolchstoßlegende

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Helmut Kohl, Wjatscheslaw Daschitschew (Mitte), Karl Dietrich Bracher und Walther Hofer Ende August 1989 in Berlin Bild: Abb. a. d. bespr. Band

Gern stellt sich der frühere Kreml-Berater und Historiker Daschitschew als weiser Vordenker, Systemkritiker und Besserwisser dar. So hielt er den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan 1979 für falsch, weil es eine „Falle der Amerikaner“ sei.

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          Schon lange spekuliert der Westen: Was will Putin? Was bekümmert die russische Seele? Nicht zufällig leitet der Autor seine Analyse russischer Politik der vergangenen hundert Jahre mit dem sinngemäßen Zitat des Nationaldichters Fjodor Tjutschew ein: „Mit dem Verstand ist Russland nicht zu fassen.“ Mal eigentümlich, mal rechthaberisch wird eine Geschichtsdeutung entfaltet, die zum Teil die Befindlichkeit der Russen erklärt. Monarchie, Sozialismus und Kapitalismus - diagnostiziert Wjatscheslaw Daschitschew eingangs - haben es nicht geschafft, eine stabile Gesellschaftsordnung und soziale Gerechtigkeit zu etablieren. Diese Experimente fügten dem Volk und seiner Machtelite schweren Schaden zu. Nach der Revolution 1917 forderte ein falsch verstandener Sozialismus immense Opfer und verursachte anhaltende Rückständigkeit. Nicht Gorbatschows Politik der Perestrojka, sondern Jelzins Staatsstreich 1991 und Hinwendung zum Kapitalismus, unterstützt von globalen Machtinteressen der Vereinigten Staaten von Amerika, zerstörten die Erfolge des Sowjetvolkes. Ständige Wirren zermürbten die Sowjetunion und trugen zum Verfall Russlands seit den 1990er Jahren bei. Putin hat bisher dem Land keine Wendung gegeben, es aber aus der Krise herausgeführt.

          Man kann dies anders sehen. Dennoch stellt sich die Frage: Wie konnte das alles geschehen? Aus persönlichen Erfahrungen und dem Werdegang des Autors erklären sich manche seiner Schlussfolgerungen. Der Vater, dekorierter Revolutionsheld und Stabschef in der Roten Armee, entging 1937 nur knapp Stalins Säuberungen. Der Sohn kämpfte als Offizier im Großen Vaterländischen Krieg an der ukrainischen Front gegen die Deutschen und erlebte im Mai 1944 die Befreiung der Krim. Als Militärhistoriker in der Armee widmete er sich dann der legendenbehafteten Geschichtsschreibung, bevor er in der Akademie der Wissenschaften zum außenpolitischen Berater des Kremls aufstieg.

          Daschitschew verteufelt Stalins Schreckensherrschaft und Expansionspolitik, weil sie Idee, Werte und Ideale des Sozialismus in Verruf brachten. Hinzu kamen Fehler und Skrupellosigkeit des Diktators. 1920 versuchten die Bolschewiken im Krieg mit dem wiedererrichteten Polen ihre Einflusssphäre nach Westen zu verschieben. Mitte der 1930er Jahre wurden Eliten bis hin zu mittleren und höheren Führungszirkeln der Roten Armee liquidiert, mit fatalen Folgen für die Verteidigung. Daher rührten Ängste vor einem Krieg mit Deutschland, obwohl Stalin keinen Präventivkrieg plante. Er versäumte, zeitig eine Front von Kommunisten und Sozialisten gegen Hitler zu schmieden, und bekämpfte die Sozialdemokraten.

          Wegen außenpolitischer Unerfahrenheit schloss Stalin einen deutschen Zweifrontenkrieg aus. Den Sicherheitspakt mit Frankreich und Großbritannien lehnte er ab. Somit war 1939 sein Wendejahr, denn es bestand keine Gefahr einer Blockbildung gegen die Sowjetunion. Nach dem Pakt mit Hitler gewann er durch die Teilung Polens weiteren Einfluss auf das Baltikum, Finnland und Moldau. Das Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 eröffnete ihm Chancen zur territorialen Expansion durch die Besetzung Ostmitteleuropas - ein Kardinalfehler und Hauptgrund für den Kalten Krieg. Diese Perversionen des Stalinismus hätten das Sowjetvolk bis 1991 beeinflusst, behauptet Daschitschew. Denn die alte Kreml-Garde regierte mit Diktatur und Zentralismus, statt Freiheit und Selbstbestimmung zu gewähren. Das kontinentale Kräftegleichgewicht wurde verletzt, der Konflikt im sozialistischen Lager mit China geschürt, die Chance zur Umgestaltung des Sozialismus in eine zivildemokratische Gesellschaftsordnung vertan. Dafür bekam die sowjetische Wirtschaft und Gesellschaft die Konfrontation mit dem Westen hart zu spüren. Die Veinigten Staaten antworteten mit Eindämmungspolitik, nutzten die Schwäche Europas zur Schutzmachtrolle aus und sicherten sich dauerhaften Einfluss. Mit dem Bretton-Woods-System schufen sie die weltweite Abhängigkeit aller Finanztransaktionen von der Fed und ermöglichten ihr den Zugriff auf wichtige Ressourcen, besonders auf Erdöl.

          Gern stellt sich Daschitschew als weiser Vordenker, Systemkritiker und Besserwisser dar. So hielt er den sowjetischen Einmarsch in Afghanistan 1979 für falsch, weil es eine „Falle der Amerikaner“ sei. Er rügte Moskaus mangelnde Weitsicht in den Verhandlungen über den Nato-Doppelbeschluss und drängte, den Kalten Krieg und das Wettrüsten zu beenden. Die Rettung der Menschheit vor der atomaren Katastrophe schien ihm wichtiger als Klassenkampf. Erst Gorbatschows Politik der Perestrojka führte bei der Intelligenzija zur Wiederentdeckung der Vergangenheit. Der bis dato vielen Russen unbekannte Hitler-Stalin-Pakt habe sich als „Todesurteil“ für das Sowjetimperium entpuppt.

          Gorbatschow wirft er Unfähigkeit zu umfassenden Gesellschaftsreformen vor. Schlimmer noch sei, dass dieser nicht Jelzins „Todesstoß“ für die Sowjetunion verhinderte. Damit konstruiert Daschitschew eine sowjetische Dolchstoßlegende. Er konzediert, die Spaltung Deutschlands war das größte Übel und löste die Blockbildung aus. Bei der Wiedervereinigung fühlte er sich nur von Hans-Dietrich Genscher verstanden, der die Charta von Paris umsetzen und das gemeinsame Haus Europa bauen wollte. Die Vereinigten Staaten hätten mit subversiven Methoden Ostmitteleuropa der Nato einverleibt und durch Stationierung von Raketenabwehrsystemen dort Russland in Belagerungszustand versetzt, um es zu unterdrücken. Sicherheitsängste der Osteuropäer vor den Russen bleiben unbeachtet.

          „9/11“ und der Kampf gegen den Terror hätten der Regierung Bush Grund zur Destabilisierung des Kaukasus und für eine neue Containment-Politik geboten. Putin setze sich notgedrungen dagegen zur Wehr. Ohne die Ukraine verliere Russland seinen Großmachtstatus. Im Falle der Krim sei Moskau nur dem Volkswillen gefolgt und habe historisch wiederhergestellt, was Chruschtschow verschenkte. Die Vereinigten Staaten hätten den Islam zum Hauptaggressor auserkoren und spannten zur Sicherung ihrer globalen Hegemonie die Europäer ein. Deutschland sei „im Grunde ein Satellitenstaat“ Washingtons, ohne Souveränität, der nicht vor Völkerrechtsverletzungen wie in Jugoslawien zurückschrecke. Gelöst werde die „deutsche Frage“ erst, wenn sich Europa von amerikanischer Bevormundung lossagte. Die Lösung kontinentaler Probleme sei nur durch Re-Europäisierung mit und nicht gegen Russland möglich. Im Inneren brauche das Land einen neuen demokratischen Sozialismus mit Mehrparteiensystem und Grundrechten. Nach außen müsse es wieder Stärke zeigen.

          Hinter allem steckt Wahres, Wunschdenken, Angst und Kalter-Krieg-Rhetorik. Dass Russland die Vereinigten Staaten als Partner Europas ersetzen kann und der Sozialismus reformierbar ist, glaubt im Westen niemand ernsthaft. Ob bei frühzeitiger Reform der Zerfall des Sowjetsystems vermeidbar gewesen wäre, bleibt offen. Alte und neue russische Traumata bestehen fort: Gram über den Untergang der Sowjetunion, Verlust der Weltmachtrolle, Furcht vor Einkreisung und Isolierung seitens der Amerikas, Chinas und Europas. Putins Politik bedient dieses Volksempfinden. Er soll die globale Hegemonie der Amerikaner beenden und den eigenen Weltmachtstatus wiederherstellen. Ob die russische Seele dann ihre Ruhe findet, vermag keiner mit Verstand vorherzusagen.

          Wjatscheslaw Daschitschew: Von Stalin zu Putin. Auf der Suche nach Alternativen zur Gewalt- und Herrschaftspolitik. Russland auf dem Prüfstand. Ares Verlag, Graz 2015. 580 S., 69,90 €.

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