https://www.faz.net/-gpf-9bd2u

Wirklichkeiten : Zwischen Gefühl und Realität

Zwei Polizisten vom Kommunikationsteam am 2. Oktober 2016 auf dem Nürnberger Platz in Dresden. Bild: dpa

Kriminalitätsstatistiken sind das eine, gefühlte Realität manchmal etwas ganz anderes: Die Geschichte eines nicht überwindbaren Zwiespaltes.

          4 Min.

          „Es gibt nur wenige Gebiete, auf denen die Ost-West-Angleichung so schnell gelang wie auf dem der Kriminalität“, heißt es in dem Sammelband „Innere Sicherheit in Sachsen“, der bei „Edition Leipzig“ erschienen ist. „Bereits im Jahr 1991 wurde in den sogenannten neuen Ländern das westdeutsche Niveau erreicht.“ Und zwar von unten. Seitdem unterscheiden sich Sicherheitsempfinden, aber auch tatsächliche Gefahren in beiden Landesteilen kaum noch. Vielmehr eint die Deutschen gerade in jüngster Zeit der Eindruck, der Staat könne sie nur noch begrenzt schützen, weshalb das Thema „Innere Sicherheit“ einen „bemerkenswerten Aufschwung“ genommen habe. Diese Entwicklung nehmen die Herausgeber Gert Pickel, Alexander Yendell und Karolin Dörner von der Universität Leipzig, alle drei ausgewiesene Kenner der Materie, zum Anlass, die innere Sicherheit mit Hilfe zahlreicher Autoren aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten und darüber hinaus sächsische Besonderheiten herauszuarbeiten, ist doch gerade der Freistaat in den vergangenen Jahren in dieser Hinsicht besonders aufgefallen.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Kritikern, die – mit Recht – darauf verweisen, dass sich die Kriminalität insgesamt in Deutschland in den vergangenen Jahren verringert hat, halten die Autoren – ebenfalls mit Recht – entgegen, dass die „Wahrnehmung einer unsicheren Situation . . . und einer Gefährdung der inneren Sicherheit bei den Bürgern Relevanz für ihre Haltung zur Demokratie“ besitzt. Natürlich seien die realen Folgen etwa von Terroranschlägen in Deutschland geringer als die deutlich dramatischere Wahrnehmung, aber auch die Wahrnehmung der Realität habe Konsequenzen, die wiederum Bestandteil der Realität seien. „Da hilft es übrigens auch wenig, wenn man dies von außen belächelt oder als falsch klassifiziert“, schreiben die Autoren. Das Gefühl einer fast permanent gefährdeten Sicherheitslage führe im Extremfall zu „Unzufriedenheit mit der Exekutive, der Legislative und zuletzt dem politischen System sowie der Demokratie an sich“.

          Das ist eine ziemlich exakte Beschreibung der Lage auch in Sachsen, wo sich die Unzufriedenheit weniger mit der Demokratie als vielmehr mit dem politischen System und dessen Vertretern erst wieder bei der jüngsten Bundestagswahl gezeigt hat, bei der die AfD knapp vor der CDU ins Ziel ging. Die CDU wiederum, die in Sachsen seit 1990 ununterbrochen regiert, hat die innere Sicherheit als eines ihrer Kernthemen in den vergangenen Jahren grob vernachlässigt und unter anderem aufgrund fehlerhafter Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung eine Polizeireform begonnen, die im Wesentlichen aus der Zusammenlegung und Schließung von Dienststellen sowie aus massivem Personalabbau bestand. Die Kriminalitätsstatistik untermauerte diesen Kurs durchaus, denn „zwischen den Jahren 1995 und 2015 reduzierte sich die polizeilich registrierte Kriminalität im Freistaat um knapp 26 Prozent“, heißt es in dem Band.

          In der Öffentlichkeit aber verschlechterte sich das Sicherheitsempfinden, zum Teil auch unterlegt durch einen tatsächlichen Zuwachs an Straftaten in einzelnen Bereichen. So nahm die Zahl der Autodiebstähle zuletzt stark zu, blieb aber nach wie vor um ein Vielfaches unter den Rekordwerten der neunziger Jahre, als es keine elektronische Wegfahrsperre gab; praktisch verdoppelt hat sich seit 2007 (wie bundesweit) auch die Zahl der Wohnungseinbrüche.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          SPD-Parteichefin Saskia Esken fordert eine Lastenverteilung, bei der sich die Wohlhabenden besonders einbringen müssen.

          Finanzierung der Krise : SPD erwägt Vermögensabgabe

          Wenn es nach der Führung der Sozialdemokraten geht, dann dürften schon bald besonders wohlhabende Bürger zur Kasse gebeten werden. Laut Parteichefin Saskia Esken sollten sich zur Finanzierung der Krise „starke Schultern“ auch „stark beteiligen“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.