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Zwischen USA und UdSSR : Wie Willy Brandt die Sozialdemokratie in der Welt stärken wollte

Bild aus goldenen Zeiten: Willy Brandt und Bruno Kreisky auf der Frankfurter Buchmesse 1975 Bild: Isolde Ohlbaum/laif

Nach seiner Kanzlerschaft wollte Willy Brandt den Einfluss der Sozialdemokratie weltweit ausweiten. Das gelang ihm, aber mit Abstrichen – und ohne bleibenden Erfolg. Der Historiker Bernd Rother blickt nach jahrelanger Archivarbeit auf diese Zeit zurück.

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          Es ist erst drei Jahre her, als ein ranghoher SPD-Politiker sagte: „Lateinamerika ist zu lange aus unserem Blick geraten.“ Heiko Maas, damals noch Außenminister, wollte die Beziehungen zwischen Deutschland und den Ländern südlich der Vereinigten Staaten mit einer Initiative stärken. Doch schon während einer Reise nach Brasilien fiel auf, wie wenig sich Lateinamerika von seinem Werben angesprochen fühlte. „Zwei Zeilen“, schrieb die „Deutsche Welle“ damals, „mehr als eine Mini-Meldung ist der größten brasilianischen Tageszeitung Folha de São Paulo der Besuch des deutschen Außenministers Heiko Maas anscheinend nicht wert.“ Von der Initiative war seither kaum noch etwas zu hören, was nicht nur an der Pandemie liegen dürfte.

          Tim Niendorf
          Politikredakteur.

          Europa, so muss man konstatieren, hat in Lateinamerika den Anschluss verloren. Und das, obwohl man eigentlich starke kulturelle Gemeinsamkeiten hat und größtenteils demokratisch geprägt ist. Das große Geschäft in Lateinamerika aber macht in diesem Jahrhundert zunehmend China, mit allen politischen Folgen, die das nach sich zieht.

          Es gab eine Zeit, da interessierte sich die westliche Welt, und insbesondere Deutschland, deutlich mehr für Lateinamerika und andersherum Lateinamerika mehr für Europa. Genau in diese Phase fällt die Amtszeit Willy Brandts als Präsident der Sozialistischen Internationale, von 1976 bis 1992. Brandt, schon durch sein Exil in Norwegen und Schweden während des NS-Regimes, später dann aufgrund seiner Regierungsjahre international gut vernetzt, wollte nach seiner Kanzlerschaft nicht in den Ruhestand gehen, sondern die Sozialdemokratie in der Welt stärken. Dies gelang ihm, wenn auch mit Abstrichen – und ohne bleibenden Erfolg, wie der Historiker Bernd Rother in „Sozialdemokratie global. Willy Brandt und die Sozialistische Internationale in Lateinamerika“ veranschaulicht.

          Bild: Campus Verlag

          Sozialistische Internationale, kurz SI genannt, das klingt nach etwas Großem. Tatsächlich aber war die Organisation in ihren frühen Jahren nach der Gründung 1951 nicht ganz so international, wie es ihr Name versprach, sondern sehr auf Europa, den Alten Kontinent, fokussiert. Allen voran Brandt wollte dies ändern, und die Idee einer weltweiten Vernetzung kam ihm schon Anfang der Siebzigerjahre, als die europäische Sozialdemokratie, wie es Rother gleich zu Beginn in seinem Buch hervorhebt, in voller Stärke war. In Schweden regierte Olof Palme, in Österreich Bruno Kreisky. Felipe González und Mário Soares sollten in Spanien und Portugal folgen. Es waren auch die Errungenschaften der Zeit, die eine Vernetzung über Europa hinaus möglich machten, etwa Telefonverbindungen und ein größeres Angebot an Flügen über die Festlandgrenzen hinweg.

          Dass sich die SI in den Jahren Brandts vergrößerte, lag an dessen Strategie, es mit Prinzipien und den Programmen der Mitgliedsparteien nicht ganz so genau zu nehmen. Für die Ausbreitung war das von Nutzen, es barg aber auch das Risiko, in der Heimat angreifbar zu werden, wenn sich herausstellte, dass man in der Ferne mit fragwürdigen Personen kooperierte. Dies war aus Sicht der SI aber nötig, um an Einfluss zu gewinnen, denn das Ziel war kein kleines, wie Rother nach jahrelanger Archivarbeit schreibt. Brandt und die Seinen wollten der Welt zeigen, dass es mehr gab als den Kapitalismus der Vereinigten Staaten und den Kommunismus der Sowjetunion; einen dritten Weg nämlich, den der Sozialdemokratie.

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