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Wildt kontra AfD : Wer ist denn, bitte, das Volk?

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Plakat der Initiative „Pulse of Europe“ am 23. April 2017 in Köln Bild: EPA

Ausführlich setzt sich Michael Wildt mit dem „Volk der AfD“ auseinander, mit deren kulturellen und ethnischen Kriterien; sie betreibe eine Rehabilitierung von Begriffen, die durch den Nationalsozialismus kontaminiert seien.

          Ende 2015 berief sich der AfD-Landesvorsitzende in Sachsen-Anhalt bei dem plumpen Versuch, Begriffe wie „Volksgemeinschaft“ und „völkisch“ salonfähig zu machen, auf Michael Wildt. „Nun kann sich niemand dagegen wehren, zitiert zu werden“, erwidert der Berliner Historiker in seiner höchst aufschlussreichen Streitschrift über „Volk, Volksgemeinschaft, AfD“. Er geht zurück bis in die Antike, um der im Wandel der Zeiten sehr unterschiedlich beantworteten Frage nachzugehen, wer das Volk sei; Ab- und Ausgrenzung standen oft im Vordergrund. Im europäischen Denken schrieb Johann Gottfried Herder jedem Volk eine kollektive Individualität zu; Sprache und Poesie spielten Schlüsselrollen. In Herders Welt wären die Völker gleichberechtigt gewesen; später sei es nicht ausgeblieben, „dass sich Unterschiede als Hierarchien ausbildeten und einzelne Völker aufgrund ihrer ,vornehmeren‘ Kultur, ,höheren‘ Zivilisation sich zur Herrschaft über andere berufen sahen“.

          Die Reichsverfassung von 1919 bestimmte, dass die Staatsgewalt vom Volk ausgehe. In der Weimarer Republik erfreuten sich die Begriffe „Volksgemeinschaft“ und „Volksgenossen“ dann bei fast allen Parteien großer Beliebtheit, wenn auch die NSDAP meist Exklusion und Grenzen hervorhob: Die völkische Rechte interessierte, wer nicht zur „Volksgemeinschaft“ gehören durfte: „Gemeinschaftsfremde“, allen voran die Juden. Ausführlich setzt sich Wildt mit dem „Volk der AfD“ auseinander, mit deren kulturellen und ethnischen Kriterien; sie betreibe eine Rehabilitierung von Begriffen, die durch den Nationalsozialismus kontaminiert seien. Bei Populisten gehe es generell „um die alte Versuchung, ,das Volk‘ in Gegensatz zu seinen Repräsentanten zu setzen und aus dem Gefühl heraus, nicht repräsentiert zu werden, auf der Souveränität des Volkes zu beharren“.

          Die 1989er-Parole „Wir sind das Volk“ erinnere daran, dass demokratische Regeln nicht für alle Zeiten festgeschrieben werden können. Es genüge nicht, jene populistische Behauptung, das wahre Volk zu repräsentieren, einfach nur zu negieren. Ob es sich wegen des Gegensatzes von Staat und Gesellschaft, vom politischen und sozialen Volk, anbiete, auf den Begriff des Volkes zu verzichten, fragt sich Wildt und holt sich bei der Bundeskanzlerin Rat: „Angela Merkel hat in ihrer Video-Ansprache zum 3. Oktober 2016 den Satz geprägt: ,Alle sind das Volk‘. Damit hat sie nicht nur in ihrer unnachahmlichen Art jedwedem Pathos, das Sätzen wie ,Wir sind das Volk‘ innewohnt, gewissermaßen die Luft herausgelassen. Sie hat zudem in der nur scheinbaren Banalität der Aussage allen Versuchen eine Absage erteilt, die Zugehörigkeit zum Volk zu privilegieren. ,Alle sind das Volk‘ heißt, alle gehören dazu, und es gibt keine kulturelle, religiöse, ethnische oder gar rassistische Exklusion.“ Zum Schluss empfiehlt der Autor: „Es kommt nun darauf an, dass wir das alte Volkskostüm ablegen, die heroische Bühne verlassen und uns als Menschen mit gleichen Rechten und gleicher Freiheit verstehen, die dabei sind, in Deutschland, in Europa und anderswo ihre politischen und sozialen Beziehungen neu zu regeln.“

          Michael Wildt: Volk, Volksgemeinschaft, AfD. Verlag Hamburger Edition, Hamburg 2017. 158 S., 12,– €.

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