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Altersarmut im teuren München : Wenn die Rente nicht zum Leben reicht

Die Berichte der Frauen zeigen, dass Altersarmut ein vielschichtiges Phänomen ist. Manche Rentnerinnen haben wenig Geld, aber starke soziale Bindungen, ihre Kontakte ermöglichen es ihnen auch mal, ins Theater zu gehen. Andere verfügen über etwas mehr Rente, aber haben keinen Kontakt mehr zu den eigenen Kindern und keinerlei kulturelles Kapital. Manche Frauen müssen im Rentenalter Zeitungen verkaufen oder einem anderen Minijob nachgehen, selbst wenn sie sich dazu eigentlich nicht mehr in der Lage fühlen, andere empfinden ihre Tätigkeit auch im hohen Alter als sinnstiftend, etwa eine Seniorenbegleiterin im Ehrenamt mit Aufwandsentschädigung.

Ratschläge für den Umgang mit Altersarmut

Die geschilderten Fälle machen deutlich, dass auch Frauen aus dem Bürgertum von Altersarmut betroffen sind, etwa, weil in ihre Ausbildung gemäß den damaligen gesellschaftlichen Konventionen wenig investiert wurde und sie nur bis zur Heirat gearbeitet haben. Frauen aus höheren Schichten können die Altersarmut aber oft mit Hilfe ihres Umfelds besser kompensieren. Zugleich gibt es auch Ähnlichkeiten über die verschiedenen Schichten hinweg: Alle interviewten Frauen sind Nachkriegskinder. Sie haben gelernt, bescheiden zu sein, nicht zu klagen und mit dem Mangel zu wirtschaften. Sie alle können vorkochen, sparen, flicken.

Im dritten Teil des Buchs werden Ratschläge für den Umgang mit Altersarmut gegeben: Wann und wie kann Grundsicherung beantragt werden, wie viel darf nach dem Renteneintritt noch hinzuverdient werden, wie lassen sich Schulden abbezahlen, wie eine bezahlbare Wohnung finden. Hier wird der normative Anspruch des Buchs besonders deutlich, schon im ersten, mit Ausrufezeichen beendeten Satz des Vorworts: „Dieser Teil informiert darüber, was frau selbst tun kann, wenn die Rente nicht reicht, wo sie Anlaufstellen und Unterstützung findet, ohne dass die Politik hier aus der Pflicht genommen werden soll!“ Dieser Tonfall irritiert manchmal. Störend ist auch, dass die Kapitel zu den einzelnen Frauen in Ich-Form verfasst sind. Etwa: „Unsere erste Begegnung fand ein Dreivierteljahr zuvor in einer nahe gelegenen sozialen Einrichtung statt“ oder gar: „Mein Handy vibriert. Jolanda Fischer ist dran.“

Der starke Fokus auf die Betroffenen ist Stärke und Schwäche zugleich. Einerseits kommt durch ihn die allgemeine Debatte zum deutschen Rentensystem sehr kurz. Was hat zum Paradigmenwechsel in der Rentenpolitik geführt? Wenn dieser, wie das Buch postuliert, gescheitert ist, weil die Versorgungslücke gerade für Frauen immer größer wird: Wie sähe eine Alternative aus, die berücksichtigt, dass immer weniger junge Menschen die Renten von immer mehr alten finanzieren müssen? Hier werden auf wenigen Seiten eher vage Vorschläge formuliert, etwa ein politisches Umdenken auf dem Wohnungsmarkt oder Hinweise auf die Notwendigkeit von Eheverträgen.

Stark ist andererseits, wie greifbar die Studie das Problem der Altersarmut macht, wie nah sie den Rentnerinnen kommt und diese selbst zu Wort kommen lässt. Weil die Betroffenen sich schämen, wissen oft selbst Kinder und Enkelkinder nicht um deren Schicksale. Die Studie macht sie sichtbar.

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