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Mitterrand und Deutschland : Ein Getriebener seiner Angst?

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Bild: AP

Bundeskanzler Helmut Kohl zählte François Mitterrand zu seinen politischen Freunden. Aber was trieb den französischen Staatspräsidenten um, als Deutschland auf die Einheit zusteuerte?

          „Das Streben nach Macht“, so behauptete Frankreichs Staatspräsident François Mitterrand 1995 im Gespräch mit dem Journalisten Georges-Marc Benamou, sei „das einzige, das etwas taugt“. In der Dissertation von Frederike Schotters über Mitterrands Außen- und Sicherheitspolitik bleibt diese Aussage unerwähnt. Was umso mehr überrascht, als sie dem realistischen Ansatz der Lehre von den Internationalen Beziehungen grundsätzlich vorhält, sich nicht von der „überholten Grundannahme“ lösen zu können, wonach „die Geschichte internationaler Beziehungen im Kern im Ringen um Macht aufgehe“. Wissenschaftler, die Mitterrand als das beschreiben, was er war, ein Machtpolitiker par excellence, attestiert sie „Fehleinschätzungen“, weil sie „Macht zu einer Analysekategorie“ des wissenschaftlichen Forschens erheben. Unwillkürlich fühlt sich der Leser an Rainer Hanks Buch „Lob der Macht“ erinnert: „Moralisierer“, so heißt es da an einer Stelle, wollten die Macht „ignorieren oder stigmatisieren“; doch damit sei „nichts gewonnen“.

          Im Zentrum der Studie von Schotters steht die von der Historiographie bisher höchst kontrovers diskutierte Außen- und Sicherheitspolitik Mitterrands vom Einzug in den Elysée 1981 bis zur Wiedervereinigung Deutschlands 1990. Um „nicht auf der Ebene der Entscheidungen stehen“ zu bleiben, sondern deren „Entstehungsprozesse“ herauszuarbeiten, erscheint es der Verfasserin notwendig, ihren Analyserahmen vom Präsidenten auf eine „équipe Mitterrand“ genannte Gruppe von Experten und Freunden in deren „Interaktionsverhältnis“ auszuweiten.

          Dass ein französischer Staatschef der Fünften Republik auf die Zuarbeit durch Berater (und Beraterinnen) angewiesen war, kann kaum überraschen. Allerdings ist aus der Literatur bekannt, dass Mitterrand einen eigenen, um nicht zu sagen eigenwilligen Amtsstil pflegte, der ein wenig an das „Schottensystem“ Konrad Adenauers erinnert: Höchsten Wert auf ein unabhängiges Urteil legend, weihte er nicht einmal die nächsten Berater in die Details seines Handelns ein und vertraute nur kleineren Zirkeln, und selbst ihnen lediglich zeitweise. Die von Mitterrands „conseiller culturel“ Laure Adler veröffentlichte These, es habe im Arbeitsumfeld des Präsidenten keine echte Equipe gegeben, allenfalls eine „équipe hétéroclite“, eine eigentümliche, bizarre, wird von Schotters nicht diskutiert.

          Unter Ausnutzung der „Konjunktur emotionshistorischer Studien“ konzentriert sich die Verfasserin auf die normativen Prämissen der Mitterrandschen Politik und zielt explizit darauf ab, einen „Beitrag zu der Erforschung von Emotionen im außenpolitischen Tagesgeschäft“ zu liefern. Im Fokus stehen die Kategorien „Angst und Vertrauen“.

          „Neuordnung der Staatenbeziehungen“

          Um deutlich zu machen, wie politische Konzeptionen und Strategien aufgrund enttäuschter Erwartungen oder einer Veränderung äußerer Rahmenbedingungen und Handlungsspielräume angepasst wurden, hat Schotters ihre Studie nach chronologischen und systematischen Gesichtspunkten gegliedert. Geht es zunächst um das bei Mitterrand zu Beginn seiner Amtszeit vorhandene Konzept zur Bewältigung internationaler Krisenphänomene, behandelt der zweite Teil die Strategien, die der Präsident und seine Entourage als Antwort auf den „Zweiten Kalten Krieg“ bzw. die Spannungen mit Amerika entwickelten. Kapitel drei beleuchtet die „transformative Komponente der französischen Détente“. Im vierten Abschnitt geht Schotters der Frage nach, welche Funktion Mitterrand im Prozess der Entspannung nach dem Machtantritt Michail Gorbatschows 1985 übernommen habe. Das fünfte und letzte Kapitel analysiert die Politik der „équipe Mitterrand“ im Zuge der Wiedervereinigung Deutschlands 1989/90.

          Ausgehend von der Kardinalthese, dass Mitterrand und seine Mitarbeiter „eine Neuordnung der internationalen Staatenbeziehungen“ anstrebten, in der die Bipolarität durch Multipolarität ersetzt werden sollte, schildert Schotters ausführlich, wie die „équipe“ durch Empathie Prozesse der Vertrauensbildung zwischen den Supermächten zu erzeugen bemüht war, zugleich aber auch Angst evozierte und beide Gefühle als „Ressourcen“ für ihr politisches Handeln einsetzte. Folgt man ihren Befunden, stieg Frankreichs Staatspräsident durch diesen spezifischen Regierungsstil zu einem „Mitinitiator der Neuen Détente ab Sommer 1984“ auf und übernahm seit der Wahl Gorbatschows eine wichtige Rolle „als Bindeglied zwischen Washington und Moskau“. Nach dem Mauerfall im November 1989 versuchte Mitterrand ihres Erachtens, „das deutsche Einheitsstreben zu multilateralisieren und die EG als Akteur an diesem Prozess zu beteiligen“. Gedankenspiele einer „französisch-sowjetischen Komplizenschaft“ waren ihm wie auch der „équipe“ dabei ebenso wenig fremd wie Misstrauen und Bedrohungsperzeptionen. Nach der Vorstellung des Zehnpunkteplans von Helmut Kohl sei Mitterrand zu einem „Getriebenen seiner Angst“ geworden, bei dem die Gefühle das Kalkül bisweilen überlagerten. Trotzdem habe er den Wiedervereinigungsprozess „keinesfalls aufhalten“ wollen.

          Auch wenn man manch positives Urteil von Schotters über die Außen- und Sicherheitspolitik Mitterrands dezidiert nicht teilt, kommt man nicht umhin festzuhalten, dass ihre theoretisch anspruchsvolle und literarisch ansprechende, umfangreiche französische Archivbestände auswertende Studie unser bisheriges Wissen erweitert und zu neuen Forschungen anregt. Störend wirken indes ihr Umgang mit anderslautenden Meinungen der Wissenschaft, ihr Angriff gegen die realistische Schule der Internationalen Beziehungen und ihre Negation der Macht oder nationaler Interessen als Analysekategorie. Indem Schotters außerdem expressis verbis verlangt, dass der Fokus der Erforschung internationaler Beziehungen „nie auf nur einem Akteur alleine liegen“ dürfe, stellt sich dem Rezensenten die Frage, welche Berechtigung sie einer biographisch orientierten Forschung zumisst.

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