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Wie ein Brandbrief : Bilanz eines Lehrerinnenlebens

Impressionen aus Frankfurt-Griesheim, wo die beschrieben Schule liegt. Bild: Wonge Bergmann

An Brennpunktschulen läuft viel falsch. Alle wissen es. Aber Lehrerinnen und Lehrer trauen sich oft erst als Ruheständler, offen zu sprechen.

          Über Brennpunktschulen wurde in den vergangenen Jahren viel geschrieben. Mit „Brandbriefen“ machten Lehrer und Direktoren auf ihre schwierige, zum Teil verzweifelte Lage aufmerksam, beschrieben eindringlich, wie sie sich zwischen steigenden Anforderungen und mangelnder gesellschaftlicher und politischer Unterstützung täglich aufreiben. Da ist zum einen – vor allem in den Städten – eine steigende Zahl von Einwandererkindern ohne Sprachkenntnisse, die integriert werden müssen. Hier stehen seit geraumer Zeit muslimische Kinder im Mittelpunkt der Klagen, deren Eltern ihnen die Teilnahme am Schwimmunterricht, an Ausflügen oder Klassenfahrten aus religiösen Gründen verbieten und auch sonst die Autorität insbesondere von Lehrerinnen nicht anerkennen. Dazu kam vor einigen Jahren die schlecht durchdachte und noch schlechter vorbereitete inklusive Beschulung von Kindern mit Behinderungen bei gleichzeitigem schnellen Abbau der meisten Förderschulen.

          Susanne Kusicke

          Redakteurin der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          An Brennpunktschulen tritt noch ein weiteres Problem hinzu: die soziale Lage der umliegenden Wohnbevölkerung, die in problematischen Vierteln direkt auf die Grundschulen durchschlägt, da hier für die Schulwahl das Wohnortprinzip gilt.

          Die Probleme sind also bekannt. Warum dann noch ein Buch über Brennpunktschulen? „Schule vor dem Kollaps“ titelt die Autorin Ingrid König, und das ist auch die Haltung, aus der heraus sie ihr Buch geschrieben hat. In den vierzig Jahren, in denen die vor kurzem pensionierte Direktorin an einer Grundschule im Frankfurter Stadtteil Griesheim unterrichtete, ist fast alles schlechter geworden. Ihre Schule, in den sechziger Jahren als Zweckbau errichtet, wurde nie ernsthaft saniert und bietet heute ein Bild großer Trostlosigkeit – so wie das ganze Viertel darum herum, in dem sich auch die Struktur der Einwohnerschaft mit den Jahren zum Negativen veränderte.

          Die Autorin hat diesen Niedergang jahrzehntelang miterlebt und auch, wie wenig sich die Politik darum bisher gekümmert hat. Wenn es so weitergehe, so König, dann werde bald gar nichts mehr gehen. „Wenn wir die aktuelle Kindergeneration verlieren, wenn es uns nicht gelingt, Schulen zu reformieren, zu modernisieren, dann stehen wir gesamtgesellschaftlich vor einem Riesenproblem.“ Es geht der Autorin also, so wie den vielen Brandbriefschreibern vor ihr, darum, aufzurütteln und endlich eine fundamentale Änderung in der Politik zu erreichen.

          Das Problem dabei ist nur, dass sie die Lage an ihrer wahrlich schwierigen Schule auf die Situation generell, an allen Schulen überträgt. Was sie vierzig Jahre lang sah, hat ihren Blick geprägt. Das kulminiert in der Einschätzung: „Griesheim ist überall.“ Der Punkt ist aber vermutlich eher, dass es diese Probleme zwar überall gibt, aber nicht in dem Ausmaß wie an Brennpunktschulen. Dass diesen Brennpunktschulen sehr viel mehr geholfen werden müsste als bisher, ist dagegen vollkommen unbestritten und die nur zu berechtigte Hauptforderung des Buchs.

          Eingehend und angereichert mit vielen Beispielen aus ihrem Schulalltag, beschreibt König das Versagen der Eltern, die aus sozialen Gründen und aufgrund mangelnder Bildung oft nicht in der Lage sind, ihre Kinder mit dem Nötigsten für einen erfolgreichen Bildungsweg zu versorgen. Sie besorgen ihnen keine Schulmaterialien, lesen keine Elternbriefe, kommunizieren nicht mit den Lehrern, halten Absprachen nicht ein. Kinder kommen ohne die Fähigkeiten und Vorbildung in die Schule, die sie vor Jahrzehnten noch mitbrachten. Und in Imamschulen werden ihnen zusätzlich Lehren eingetrichtert, die dem Bildungsauftrag der Schule nicht selten entgegenstehen.

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