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Wie ein Brandbrief : Bilanz eines Lehrerinnenlebens

Es ist auch nach Erfahrung der Autorin so, dass viele der beschriebenen Probleme muslimische Kinder und ihre Eltern betreffen. König macht hier sogar eine steigende Radikalisierung aus. In den vergangenen zwanzig Jahren habe „eine Gruppe unter den Muslimen an Einfluss“ gewonnen, „für die Religion keine Privatsache ist, die eine größere Präsenz des Islam im deutschen Alltag wünschen, zumindest aber eine Behandlung auf Augenhöhe mit dem Christentum“.

Um nicht durch solche Sätze in die Nähe rechtsextremer Positionen gerückt zu werden, betont die Autorin immer wieder, dass die Probleme an den Schulen vor allem durch die soziale Schicht entstünden, der die Kinder angehören. „Lernfähigkeit und Lernbereitschaft haben nichts mit ethnischer Herkunft zu tun, sind erst recht nicht von so einer absurden Kategorie wie ,Rasse‘ oder Hautfarbe abhängig. In den allermeisten Fällen haben sie etwas mit der sozialen Herkunft des Schülers innerhalb der jeweiligen ethnischen Gruppe zu tun.“

Solche Anmerkungen verbindet König jeweils mit Kritik an vermeintlichen (oder tatsächlich bestehenden?) Denk- und Redeverboten: „Ich sehe nur nicht ein, warum ich Probleme, die ich tagtäglich mit bestimmten Menschen erlebe, nicht benennen darf oder jedes Mal dazusagen muss, dass natürlich nicht alle dieser oder jener Gruppe sich so verhalten, wie ich es erlebe, und dass natürlich auch Deutsche schon einmal solches Fehlverhalten gezeigt haben.“ Großen Raum nimmt außerdem die Frage ein, welche Werte in den Schulen an die Kinder vermittelt werden sollen (Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, Fleiß, Disziplin, Toleranz) und ob sie heute, in Zeiten des „antiautoritären Mainstreams“, überhaupt noch konsequent vertreten werden.

All dies sind Schilderungen und Diskussionen, wie sie schon an anderer Stelle geführt worden sind, und bilden einen Kenntnisstand ab, der in Teilen auch schon überholt ist. Um so schlimmer, dass sich an den dargestellten Missständen immer noch nichts geändert hat, könnte man sagen, und dass es offensichtlich Zeit war, diese Forderungen wieder einmal sehr nachdrücklich zu erheben. König, die zwar kein Abrechnungs-, aber doch ein Bilanzbuch ihres Arbeitslebens geschrieben hat, geht in einem Punkt weit über die bekannten Missstände hinaus: in ihren Beschreibungen der Zusammenarbeit mit den Schulbehörden. Hier tun sich Abgründe auf – Abgründe von Wurstigkeit, Planlosigkeit und Überforderung, gepaart mit obrigkeitsstaatlichem Gehabe, an dem die Lehrer und Direktoren in den Schulen schier verzweifeln müssen. König hat darüber viele Beispiele und Geschichten parat, die am Verstand oder guten Willen in den betreffenden Behörden zweifeln lassen. Diese Passagen sind interessant und äußerst lesenswert, denn sie brechen ein Schweigetabu. Nur jemand, der nicht mehr im aktiven Schuldienst ist, kann sich das wohl leisten.

Ingrid König: Schule vor dem Kollaps. Eine Schulleiterin über Integration, die Schattenseiten der Migration und was getan werden muss.

Penguin Verlag, München 2019. 240 S., 20,–

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