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Wider den Gehorsam : Dem Knecht ist doch alles recht

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Auf dem Hundesportplatz im bayerischen Sailauf werden Polizeihunde zu Schutz- oder Rauschgiftsuchhunden ausgebildet Bild: Wohlfahrt, Rainer

Wer gehorcht, „halluziniert“ eine Einheit mit dem Befehlenden; dies ist schon in der Kindeserziehung angelegt, die auf Pflichterfüllung pocht, statt das Verantwortungsbewusstsein zu stärken.

          Über Politikergrößen und Riesenintellektuelle heißt es oft, sie hätten hinter den Kulissen gern Furcht und Schrecken verbreitet. Dies ist eine effiziente Führungsmethode für all diejenigen, die ihre Entscheidungen nicht begründen oder ihr Umfeld nicht überzeugen wollen. In der Theorie labern sie von der Kraft der Argumente, in der Praxis verlassen sie sich aber auf die Wucht der Hierarchie. Mit dem „von oben“ erwarteten Gehorsam setzt sich Arno Gruen in einem glänzenden Essay auseinander. „Die Angst, ungehorsam zu sein, führt dazu, sich dem Unterdrücker unterzuordnen. Indem man sich mit dem Unterdrücker verbündet, kehrt man seine Verachtung und Gewalt in Liebe um. Rechtsradikale Führer gelangen deswegen besonders häufig in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche an die Macht“, warnt Gruen im Prolog, um die Strukturen des Gehorsams im heutigen Alltag - mit Rückblicken auf vergangene Diktaturen - aufzuzeigen. Wer gehorcht, „halluziniert“ eine Einheit mit dem Befehlenden; dies sei schon in der Kindeserziehung angelegt, die auf Pflichterfüllung pocht, statt das Verantwortungsbewusstsein zu stärken. Und was extremistische „Bewegungen“ betrifft, so sind für Gruen nicht die Ideologien der Anführer, sondern die Minderwertigkeitsgefühle der Verführten ausschlaggebend: „Man unterwirft sich, weil man auf eine Erlösung durch die unterdrückende Autorität hofft. Der Hass auf Andere, ob Juden, Türken, Vietnamesen, Polen, Chinesen, Behinderte oder ,unwertes‘ Leben, ist immer der Hass auf das Eigene, das man aus Gehorsam aufgeben musste, um die lebensnotwendige Bindung an die unterdrückende Autorität zu sichern.“ Der Gehorsam schaltet Anpassungsfähige gleich, die sich im Streben nach materieller Sicherheit verleugnen, meint Gruen. Er fordert, solche Knechtschaft durch Mut, Mitgefühl und „offenes Denken“ zu „besiegen“.

          Arno Gruen: Wider den Gehorsam. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2014. 97 S., 12,- €.

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