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Wichtige Annäherung : Von wegen „postnationales Zeitalter“

  • -Aktualisiert am

Am bulgarischen Nationalfeiertag läuft eine Frau über glühende Kohlen Bild: Henning Bode

Missverständnisse zwischen West- und Osteuropa gibt es viele. Das Thema Nationalismus gehört dazu.

          Anfang Dezember 2016 trafen sich Kulturwissenschaftler, Historiker und Soziologen aus Deutschland, Bulgarien, Kroatien, Mazedonien, Polen, Rumänien, Russland, der Slowakei, Slowenien, Tschechien, der Ukraine und Ungarn zu einer Tagung an der Universität München. Ihr Thema war die „Wiederentdeckung des Nationalen“ in den postkommunistischen Staaten Ostmitteleuropas, ihr Gegenstand die Ideologien und Inszenierungen, Strategien, Formen und Praktiken „nationaler Geschichts- und Identitätspolitik“ nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Systeme 1989/90.

          Die Erwartung mancher Zeitgenossen, dass diese Staaten dem „europäischen Projekt“ neuen Schwung verleihen, die Einheit stärken, den Weg in ein „postnationales Zeitalter“ beschleunigen würden, erwies sich als voreilig, als Missverständnis. Polen, Ungarn und die Tschechoslowakei hatten schon 1991 an historischem Ort (in Visegrád) eine eigene Kerngruppe gebildet, ein Freihandelsabkommen abgeschlossen und weitere Zusammenarbeit in Fragen der Kultur, der Wirtschaft und äußeren Sicherheit vereinbart. Selbst wenn Polen, Ungarn, die Tschechische Republik und die Slowakei 2004 der EU beitraten (zusammen mit den baltischen Staaten, Slowenien, Malta und Zypern, 2007 auch Rumänien und Bulgarien, 2013 Kroatien), führten sie der Europäischen Kommission in den folgenden Jahren immer wieder nachdrücklich vor Augen, dass sie in „nationalen Belangen“ (oder was sie dazu erklärten) ihren eigenen Weg verfolgten, unter Berufung auf eigene Kultur und Geschichte, dabei auch den Konflikt mit „Brüssel“ nicht scheuten. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung unterstützte dies, wie sowohl nationale Wahlen als auch die zum Europaparlament zeigten: Die Beteiligung bei der Europawahl 2014 lag in Ungarn bei unter 30, in Polen unter 25 Prozent, während in Tschechien nicht einmal 20 Prozent, in der Slowakei gar nur 13 Prozent zur Wahl gingen, obwohl ein erheblicher Anteil der EU-Strukturmittel in ebendiese Länder floss.

          Wie weit sind die neuen Nationalismen gerade eine Gegenbewegung zur Europäisierung von Staat und Gesellschaft, der Medien und des Alltags? Eine Reaktion auf die sozialen Spannungen und Verwerfungen, die der Transformationsprozess der postkommunistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsverfassung mit sich brachte? Auf neoliberale Politiken, Globalisierungsfolgen und die Ängste, die sie auslösten? Wie weit wurden sie verstärkt durch die Flüchtlingsbewegungen aus dem Nahen Osten und globalen Süden in den Norden? Oder, weniger ambitioniert gefragt: Welche traditionellen Leitbilder wurden dagegen mobilisiert, welche wiederbelebt, welche neu geschaffen? Welche inneren und äußeren Feinde als Gegenbilder aufgeboten? Was bedeuteten die Homogenisierungsstrategien für die nationale Minderheitenpolitik? Vor allem diese Fragen waren es, die bei der genannten Münchner Tagung im Mittelpunkt standen. Die Antworten der 14 Referentinnen und Referenten sind im vorliegenden Sammelband nachzulesen.

          Sie wurden um vier Schwerpunkte gebündelt: Ein erster skizziert „Populare Repräsentationen des Nationalen“, wie sie uns, um nur zwei Beispiele herauszugreifen, im Rückgriff auf historische nationale Narrative in der tschechischen Pop-Musik bei Daniel Landa begegnen oder in den Darstellungen kroatischer Soldaten als Ikonen „friedlichen Heroismus“ im Heimatkrieg Anfang der neunziger Jahre und Sinnbilder einer „neu gewonnenen“ kroatischen Identität. Ein zweiter Schwerpunkt gilt „Erinnerungsorten und Mythen“; er wird unter anderem illustriert an bulgarischen und mazedonischen Versuchen, unter Rückgriff auf Antike und Mittelalter, in Erinnerung an eine lange zurückliegende „große Geschichte“ ihrer Länder, „die Nation zu bauen“; oder in der neuen polnischen Erinnerung an die „verstoßenen Soldaten“, bewaffnete Einheiten, die nach Einstellung der Kampfhandlungen „in den Wald“, in den antikommunistischen Untergrund gingen und ihren Partisanenkampf gegen Rotarmisten, Soldaten der polnischen Armee und Milizangehörige fortsetzten – was heute als Heldentum gefeiert wird, obwohl ihren Massakern auch Tausende Zivilisten und Angehörige nationaler Minderheiten zum Opfer fielen. Ein dritter Schwerpunkt („Identitätspolitiken“) hängt mit den beiden erstgenannten eng zusammen: Er beschreibt Strategien der Umsetzung, versucht etwa am Beispiel der Alltags- und Populärkultur Russlands nach 1999/2000 zu zeigen, wie ausländische Importe von Hochglanzmagazinen, TV-Formaten und Konsumprodukten allmählich einen Russifizierungsprozess durchmachten oder wie die Regierung in Bratislava 2016 mit ihrer Werbekampagne von der „Slowakei als guter Idee“ versuchte, weg vom Stereotyp eines rückständigen Agrarlandes dem Staat ein neues Image zu geben. Der vierte Schwerpunkt „Wir und die Anderen: innere und äußere Fremde“ verweist auf den Nationalismus „als wirkmächtiges Mittel der Ausgrenzung“: so zu beobachten etwa im „Antiziganismus“ in der Slowakei, im Umgang mit durchziehenden Flüchtlingen in ungarischen Dörfern an der Grenze zu Serbien oder im „Wiederaufleben rechtsextremer Strömungen in Polen nach der Wende von 1989“.

          Die Beiträge sollen „kulturwissenschaftliche Perspektiven“ auf den „Neuen Nationalismus im östlichen Europa“ eröffnen. Sie sind Annäherungen an ein großes, hochkomplexes Thema. Sie werfen Schlaglichter auf ein riesiges Problemfeld, ohne den Anspruch, es wirklich ausleuchten zu können.

          Irene Götz, Klaus Roth, Marketa Spiritova (Hrsg.): Neuer Nationalismus im östlichen Europa. Kulturwissenschaftliche Perspektiven.

          Transcript Verlag, Bielefeld 2017. 298 S., 29,99 .

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