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Wertewandel : Wellen eines Wertewandels

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Figuren von Menschen in verschiedenem Alter sind auf dem Gebäude des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Sport am 23.01.2012 in Berlin Bild: dpa

Viel hat sich verändert, aber es gibt auch erstaunliche Kontinuitäten im Amerika des 20. Jahrhunderts.

          Familienwerte und Geschlechternormen – Deutungskämpfe um die „Zukunft der Nation“. Die Sicht auf die Sozial- und Kulturgeschichte westlicher Gesellschaften im 20. Jahrhundert gerät immer mal wieder und allzu leicht ins Grobe. Das vergangene Jahrhundert erscheint dann entweder als eine gelungene Epoche fortschreitender Modernisierung, Pluralisierung und Individualisierung oder als dramatische Ära des Niedergangs fundamentaler Werte, planetarischer Ressourcen oder gar als eine lange Epoche des Bösen, in der die „Zumutungen der Moderne“ scharf konturiert hervortreten. Wie stark jedoch die gesellschaftlichen Tiefenstrukturen durch die permanente Gleichzeitigkeit von Liberalisierungs- und Retraditionalisierungsprozessen gekennzeichnet sind, zeigt die Münsteraner Historikerin Isabel Heinemann in ihrer fulminanten Studie über den „Wert der Familie“ in den Vereinigten Staaten des vergangenen Jahrhunderts. In sechs Etappen, die den Zeitraum von 1890 bis 1990 umspannen, zeichnet Heinemann Entwicklungen auf drei empirischen Feldern nach: „Ehescheidung, Frauenarbeit und Reproduktion in den USA des 20. Jahrhunderts“ (so der Untertitel) stehen im Zentrum der Arbeit, in der Heinemann ihr zeitgeschichtliches Augenmerk stets auf Ambivalenzen und unfertige Deutungskämpfe richtet und sich dezidiert gegen lineare oder teleologische Erzählungen ausspricht.

          In dieser großartig geschriebenen „Geschichte des Ringens“ um Familienwerte und Geschlechternormen, individuelle Rechtsfortschritte versus gemeinschaftliche Ansprüche, um Sozialpolitiken und Normwandelprozesse sortiert Heinemann die 100 Jahre ihrer Untersuchung in chronologische Etappen, die zugleich sechs thematische Felder skizzieren, die für familien-, geschlechter- und bevölkerungspolitische Essentials stehen: Ehescheidung (1890–1920). Eugenik (zwanziger und dreißiger Jahre), Frauenarbeit und Mutterschaft (1940–1970), afroamerikanische Familien (sechziger Jahre), Abtreibung (siebziger und achtziger Jahre) und Familienwerte (achtziger Jahre).

          Was auf den ersten Blick etwas schematisch wirken mag, zeigt sich als kunstvoll verschlungene und sorgfältig recherchierte Sozial- und Kulturgeschichte, in der die hochkomplexen Verschränkungen zwischen den einzelnen Kapiteln beziehungsweise Epochen überzeugend geknüpft werden. Heinemann widmet sich so zwar stets einem neuen thematischen Fokus, doch kann sie ihre jeweiligen Schwerpunktsetzungen plausibel machen, indem sie in jedem Kapitel beziehungsweise jeder Epoche sowohl dem (sozial)wissenschaftlichen Diskurs der Fachleute als auch der in der nationalen Presse ausgetragenen öffentlich-politischen Debatte folgt.

          Heinemann zeichnet das Bild eines Jahrhunderts, das durch vielfältige Wellen eines Wertewandels, zugleich aber durch ganz erstaunliche Kontinuitäten gekennzeichnet ist. Nichts ist so schlicht, wie es zunächst wirken mag: Liberale Epochen erzeugen Biologisierungen, konservative Perioden kennen Liberalisierungen. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts schließlich scheinen Liberalisierung plus traditionelle Rahmung sowie eine neokonservative Privilegierung von Gemeinschaft wirkmächtig geblieben zu sein, ein Befund, den Heinemann selbst für überraschend hält.

          Es liegt ausgesprochen nahe, die Frauenrechtsentwicklung westlicher Gesellschaften mit biopolitischen und rassismuskritischen Perspektiven zu verknüpfen – Zusammenhänge, die die Realgeschichte selbst offenbart –, doch wäre es unangemessen beschönigend zu behaupten, eine solche wissenschaftliche Herangehensweise sei im Feld der Moderneforschung, der Gender Studies oder der Kultur- und Sozialgeschichte regelmäßig zu lesen. Im Gegenteil dominieren derzeit häufig großspurige Plädoyers für anspruchsvolle intersektionale und interdisziplinäre Forschungsdesigns gegenüber dieser Art realisierter Forschungen; appellative Selbstinszenierungen sind weitaus zahlreicher als elaborierte Analysen; nicht selten überwiegen Ankündigungen die Mühen wissenschaftlicher Ebenen.

          Den Ertrag, den solche Mühen zu generieren vermögen, möchte ich kurz am Beispiel des zweiten, der Eugenik-Debatte gewidmeten Kapitels illustrieren, das sich deshalb besonders aufregend liest, weil geschlechter- und familienpolitische Diskurse (einschließlich feministischer) hierzulande gleichzeitig ähnlich haarsträubende Perspektiven und Politiken hervorbrachten. Heinemann beschreibt den demographischen Wandel in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts als gouvernementalen Ansatzpunkt, um gezielt auf Familiengröße, mütterliche und nationale „Gesundheit“ sowie auf weiße Mittelschichts-„Normalität“ staatlich einzuwirken und sie für alle Bürger und Bürgerinnen repressiv zu popularisieren – gewalttätige eugenische, rassistische Zwangssterilisationen eingeschlossen! Kaum zu glauben, dass die Protagonisten und Apologeten dieser Politik bis in die siebziger Jahre öffentlich wirken konnten. Heinemann resümiert das Kapitel als Exempel, wie „der Staat die Familie ... als Objekt der Politik entdeckte“.

          Isabel Heinemann, Juniorprofessorin für Neuere und Neueste Geschichte an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und langjährige Leiterin einer Emmy Noether-Nachwuchsgruppe der Deutschen Forschungsgemeinschaft, kommt ursprünglich aus der Forschung zum Nationalsozialismus, hat sich in den vergangenen Jahren aber auch der Geschlechter- und Wissenschaftsforschung zugewandt und versteht ihre Studie als Narration einer erfolgreichen „Verwissenschaftlichung des Sozialen“. Kaum eine zeitgeschichtliche Beschreibung moderner und spätmoderner Regierungstechniken (im Foucault’schen Sinne) dürfte für heutige Leserinnen und Leser brisanter sein.

          Isabel Heinemann: Wert der Familie. Ehescheidung, Frauenarbeit und Reproduktion in den USA des 20. Jahrhunderts.

          De Gruyter Oldenbourg Verlag, Berlin/Boston 2018. 550 S., 79,95 .

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