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Werner Finck : Narrenkappe und Stahlhelm

  • -Aktualisiert am

Ein undatiertes Foto von Werner Finck (1943/44) Bild: Abb. aus dem bespr. Band

„Spreche ich zu schnell? Kommen Sie mit? - Oder - muss ich mitkommen?“ Dies rief der Kabarettist Werner Finck einem verdeckt mitschreibenden Spitzel der Gestapo zu.

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          Als Naturlyrik getarnt, rezitierte Werner Finck Ende 1932 im Berliner Kabarett „Katakombe“: „Die Sonne scheint noch immer froh, Doch sieh dich vor: es scheint nur so, das sind noch Restbestände. Nein, nein, der Sommer ist vorbei und Feld und Flur werden frei für uns’re Wehrverbände. Wie schnell das ging! Ja, die Natur! Glaubt nicht, dass eine Diktatur mal ähnlich schnell verschwände!“ Nach Hitlers Machtübernahme Anfang 1933 geriet der liebenswürdig-tollpatschig wirkende Meister des Wortspiels und des Doppelsinns ins Visier der Gestapo. Denn bald empfahl er dem Publikum, einen „Kampfbund für harmlosen Humor“ ins Leben zu rufen und die „geliebte Heiterkeit“ zu bewahren: „Drum lasst des Zwerchfells Grundgewalt am Trommelfell erklingen. Wem das nicht passt, der soll uns halt am Götz von Berlichingen.“ 1935 riss Reichspropagandaminister Joseph Goebbels der Geduldsfaden; er ließ die „Katakombe“ und auch das Kabarett „Tingeltangel“ schließen, um solcher „Staatssabotage“ entgegenzutreten. Finck wurde bei Dreharbeiten zu einem Film verhaftet und in die Prinz-Albrecht-Straße 8 in Berlin gebracht. Am Eingang des „Hausgefängnisses“ fragte ihn ein SS-Mann: „Haben Sie Waffen?“ Darauf soll Finck schlagfertig geantwortet haben: „Wieso? Braucht man hier welche?“

          Swantje Greve zeichnet die Lebensphase des 1902 geborenen schlesischen Apothekersohnes von der Gründung der „Katakombe“ 1929 bis in die letzten Kriegswochen 1945 quellennah und abwägend nach. Hin und wieder ist sie etwas skeptisch wegen widersprüchlicher Überlieferungen von Pointen. Fest steht jedenfalls, dass Finck sich durch Haftzeiten und Auftrittsverbote nicht einschüchtern ließ. „Spreche ich zu schnell? Kommen Sie mit? - Oder - muss ich mitkommen?“ Dies rief er einem verdeckt mitschreibenden Spitzel zu. Aus köstlichen Sketchen zitiert die Autorin, auch aus Akten der Verfolger, die Anstoß nahmen an der „politischen Propaganda“, so dass 1939 der Ausschluss aus der Reichskulturkammer erfolgte, was einem Berufsverbot gleichkam. Die Presse erhielt Anweisungen zur Berichterstattung. „Dabei sollte Werner Finck der Humor aberkannt werden“, schreibt Greve. Finck meldete sich freiwillig zum Heer, kam zur Nachrichtentruppe, war meist in der Truppenbetreuung eingesetzt, 1941 unterbrochen durch eine neunmonatige Untersuchungshaft. Ein „aktiver Gegner des dutzendjährigen Reiches“ war Finck laut Selbsteinschätzung nicht, eher ein „mutiger Angsthase“, der „über die Narrenkappe des wortkargen Scherzes noch die Tarnkappe der vielsagenden Pause“ zog: „Das machte die Angriffsspitze unsichtbar.“ Daher: Helm weg, Hut ab - und zwar in unwandelbarer Bewunderung!

          Swantje Greve: Werner Finck und die „Katakombe“. Ein Kabarettist im Visier der Gestapo. Reihe: Topographie des Terrors. Notizen: Band 7. Verlag Hentrich & Hentrich, Berlin 2015. 87 S., 9,80 €.

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