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Wenig leistungsfähig : Alte Kameraden

  • -Aktualisiert am

Eine Frau schaut am 09.07.2014 durch ein Schlüsselloch einer Tür in München. Bild: Picture-Alliance

Der Bundesnachrichtendienst hielt sich viel auf seine DDR-Expertise zugute. Wer dieses Buch liest, fragt sich, warum.

          4 Min.

          Wenn es nicht Ergebnis einer gediegenen Analyse des Historikers Ronny Heidenreich wäre, würde man seine Quintessenz im „Neuen Deutschland“ verorten: „Die DDR-Spionage blieb in der Amtszeit Reinhard Gehlens weitgehend dysfunktional und defizitär.“ Sie habe sich in den Jahren von 1949 an bis 1968 in einer „desolaten Verfassung“ befunden. Bis zum Jahre 1953 sei es dem Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes (BND) zwar gelungen, ein mehrere hundert V-Personen umfassendes und wahrscheinlich flächendeckendes Netz für die Beobachtung der sowjetischen Truppen aufzubauen – von in der Summe etwa 1000 V-Personen in der DDR. Aber: Das reichte zwar für einfache Beobachtungsoperationen, nicht jedoch für Quellen in Spitzenpositionen von Wirtschaft und Verwaltung oder des Militär- und Sicherheitsapparates.

          Mehr noch: „In dieser Frühphase wurden die eigenen Mitarbeiter regelrecht verheizt“, konstatiert Heidenreich. Dabei stand der BND-Vorläufer in direkter Konkurrenz zum Bundesamt für Verfassungsschutz sowie dem Berliner Landesamt für Verfassungsschutz, die jeweils eigene DDR-Spionage betrieben. Durchaus erfolgreicher als der BND: Das Berliner Landesamt erhielt beispielsweise durch eine Innenquelle beim Ministerium für Staatssicherheit (MfS) bereits ab Juli 1953 zeitnah Vernehmungsprotokolle – sowie auch zuletzt aus dem MfS-Auslandsnachrichtendienst Hauptverwaltung A Quellenmeldungen, die das inoffizielle Netz in der Bundesrepublik empfindlich berührten. Deren Quelle etwa im BND, Alfred Spuhler, wurde durch das Berliner Landesamt enttarnt; operative Leistungen in der DDR-Spionage, an die der BND zu keiner Zeit hat anknüpfen können. Das konstatiert auch Heidenreich: „Abweichend von einer in der Forschung teilweise vertretenen Meinung, welche die Fähigkeit der westlichen Dienste, sich Zugänge in die Entscheidungszirkel des Ostblocks zu verschaffen, als sehr gering einschätzt“ – was die geringe operative Ausbeute des BND als Normalfall erklären könnte –, „liefern die BND-Akten reichlich Hinweise, dass die amerikanischen Dienste, aber auch der Verfassungsschutz über Quellen und Methoden der Informationsverarbeitung sowie über das analytische Potential verfügten, um an belastbare Informationen aus dem SED-Parteiapparat zu gelangen.“

          Die Verhaftungswellen von V-Personen des BND in der DDR in den Jahren 1953 und 1955, die damit verbundenen Schauprozesse, schreckten nicht wenige potentiell Interessierte ab, für den Nachrichtendienst in Pullach zu arbeiten. Bis zum Mauerbau schmolz die Anzahl von V-Personen des BND auf 250, bis zum Jahre 1968 war sie auf „weniger als 20 gesunken“. Heidenreich macht für diese „Lähmung“ operativer Arbeit vor allem die „alten Kameraden“ verantwortlich, die von einem angenommenen Nimbus zehrten und erkannte Sicherheitsmängel nicht bereinigt hätten, sowie die Qualitäten der Spionageabwehr des MfS. Die Enttarnung des Leiters der BND-Spionageabwehr, Heinz Felfe, als KGB-Maulwurf im November 1961 unterstreicht das.

          Mithin gibt es nun durch die Analyse Heidenreichs einen Mythos weniger: Seit Oktober 2016 legt die Unabhängige Kommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes einen Band nach dem anderen vor. Mit Heidenreich also den elften Band, den er als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Kommission in den Jahren bis 2017 erstellt hat.

          Das Erfreuliche an dieser Analyse – teils im Unterschied zu anderen Arbeiten der Unabhängigen Kommission – ist die Nutzung eines breiten Quellenfundus – der amerikanische wie britische Akten ebenso einbezieht wie einen entspannteren Umgang mit anderen Historikern pflegt wie etwa zu Erich Schmidt-Eenboom, dem Heidenreich „kenntnisreiche Arbeiten“ zuschreibt, die ihm wichtige Anknüpfungspunkte geboten hätten. Was gefällt, ist überdies das harmonische Inein- andergleiten von Mikroebene – teils recht umfassend – und Makroebene.

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