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Wegbereiter : Wandel durch Annäherung

  • -Aktualisiert am

Anhänger des ANC Bild: EPA

Südafrika hat die Apartheid in beispielloser Weise überwunden. Wie das gelingen konnte, ist hier zusammengefasst.

          3 Min.

          1987 galt in Südafrika die Rassentrennung. International war das Land isoliert, und innerhalb seiner Grenzen bediente sich das weiße Minderheitsregime unverhohlen auch krimineller Mittel, um die schwarze Bevölkerungsmehrheit zu unterdrücken. Die Führer der Befreiungsbewegung „Afrikanischer Nationalkongress“ (ANC) saßen im Gefängnis oder waren ins Ausland geflohen. Die Furcht vor einem Rassenkrieg war allgegenwärtig, sogar vor dem Ausbruch eines dritten Weltkriegs, der sich in Südafrika entzünden könnte. Ohnehin war die Region zu dieser Zeit ein Pulverfass. In Angola führten Ost und West einen Stellvertreterkrieg, und in Moçambique herrschte Bürgerkrieg.

          In dieser Lage trafen sich oppositionelle Weiße aus Südafrika im westafrikanischen Senegal mit Vertretern des ANC, um darüber zu diskutieren, wie man Gewalt und Blutvergießen vermeiden könne – im Grunde jedoch, um einander überhaupt kennenzulernen. Die „Dakar-Konferenz“ gilt als Wegbereiter für den friedlichen Wandel am Kap, als eine Art von Dammbruch, die zu weiteren Gesprächen, informellen Treffen und Konferenzen führte.

          Es ist das Verdienst des Politikwissenschaftlers Ulrich van der Heyden, die zentrale Bedeutung dieses Treffens einzuordnen und den zeitgeschichtlichen Hintergrund darzustellen. Schließlich zeigt er auch auf, dass – vor allem auf Seiten der weißen Gesprächspartner – Erwartungen und Hoffnungen im neuen Südafrika nicht erfüllt wurden. Dort übrigens ist der Dakar-Prozess praktisch in Vergessenheit geraten.

          Durch Verwendung zeitgenössischer Protokolle und Schilderungen gewinnt der Leser einen Eindruck von den widerstreitenden Intentionen der Protagonisten beider Seiten, dem Wunsch nach Veränderung und der Furcht vor der Ungewissheit, die sie bringt. Die weiße Seite wurde dabei stärker berücksichtigt. Das mag auch daran liegen, dass hier intensiver Protokoll geführt wurde – schon aus Selbstschutz. Schließlich galten die Dakar-Reisenden, angeführt vom liberalen Politiker Frederik Van Zyl Slabbert, konservativen Weißen als „nützliche Idioten“, wie der damalige Präsident Pieter Willem Botha es ausweislich des Buches formulierte. Sie wurden auch von der „Afrikaner Widerstandsbewegung“ des Rechtsextremisten Eugène Terre’Blanche mit dem Tode bedroht. „Dakar“ war indes Fundament für all das, was sich in den Folgejahren mit immer größerer Dynamik entwickelte – bis zu den ersten freien Wahlen 1994.

          Van der Heyden stellt dar, dass das Treffen in Dakar wesentlich durch finanzielle und personelle Beteiligung Deutschlands ermöglicht wurde. Insbesondere die der FDP nahestehende Friedrich-Naumann-Stiftung habe sich engagiert, ebenso das Auswärtige Amt, das die Konferenz indirekt finanzierte. Der Bonner Bürochef der Stiftung Wissenschaft und Politik, Klaus Freiherr von der Ropp, einer der versiertesten Experten für Südafrika in der Wendezeit, gehörte auch zur Delegation. Sein Protokoll des Treffens – es verschwand seinerzeit ungenutzt in den Archiven – wird in dem Band erstmals veröffentlicht.

          Gut ein Jahr nach der Konferenz kam es in Leverkusen zu einem weiteren Treffen. Auch hier lässt der Autor in kluger Zurückhaltung ein Protokoll sprechen, dessen staunender Ton etwa über Joe Slovo, den Vorsitzenden der kommunistischen Partei Südafrikas (SACP) mehr sagt als manche Analyse. Slovo, heißt es, sei ein gebildeter und umgänglicher älterer Herr, dessen Persönlichkeit es schwermache, seine Äußerungen als Propagandaphrasen abzutun.

          Van der Heyden hat als Wissenschaftler zahlreiche Arbeiten zu Afrika und dessen Kolonialgeschichte vorgelegt. Trotz der großen Fülle an Fakten, die er jetzt heranzieht, macht er es dem Leser stets leicht und erklärt in hervorgehobenen Einschüben Begriffe, handelnde Personen oder Organisationen. Den Lesefluss behindert das keineswegs, trägt jedoch zu einem guten Verständnis auch für den Zeitgenossen bei, der das Buch vielleicht zur Hand nimmt, weil eine Reise nach Südafrika ansteht.

          Zeitgenössische Fotos lassen den Geist jener Jahre erahnen. Der Autor zitiert Eindrücke des deutschen Schriftstellers Hans Christoph Buch aus Dakar über die ANC-Delegation, die Nadelstreifenanzüge trug und denen ein senegalesischer Folkloretanz „physisches Unbehagen“ bereitete. Oder die Südafrikaner: „Blonde Hünen mit Wikingerbärten“, jedoch geprägt von ihrer afrikanischen Umgebung. „Sie wiegen sich in den Hüften . . . und schnipsen mit den Fingern wie eine schwarze Streetgang in Harlem.“

          Ulrich van der Heyden: Der Dakar-Prozess. Der Anfang vom Ende der Apartheid in Südafrika.

          Solivagus Praeteritum Verlag, Kiel 2018. 185 S., 19,50 .

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