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Washington und Peking : Das Lobkartell schießt zu schnell

  • -Aktualisiert am

Präsident Barack Obama und Staatspräsident Xi Jinping am 25. September 2015 in Washington Bild: Reuters

Maximilian Terhalle analysiert Washingtons Beziehungen zu Peking und lässt sich dafür von sieben Kollegen feiern.

          Maximilian Terhalle, Jahrgang 1974, war Gastwissenschaftler und „Fellow“ an den Universitäten Columbia, Oxford, Yale und Cornell sowie von 2012 bis 2014 Stipendiat der Thyssen-Stiftung an der Universität Potsdam, wo er das vorliegende Buch zu Ende brachte. Gleich sieben (ehemalige ) Kollegen loben sein Buch in den höchsten Tönen - was man auf der Rückseite und im Innenteil lesen kann. Nun ist diese Art Werbung bei an- gloamerikanischen Verlagen durchaus üblich. Allerdings sind das in der Regel sachkundige Rezensionen aus (Fach-) Zeitschriften - was hier aber nicht der Fall ist. Wie dem auch sei: Wenn der Kollege aus Australien schreibt, dies sei eines der „seltenen Bücher, die sofort zum Klassiker werden können“, ist man schon neugierig, was einen da wohl erwartet. Um es kurz zu machen: keine Sensation.

          Terhalle untersucht, welche Auswirkungen der Aufstieg Chinas in erster Linie in Bezug auf die Position der Vereinigten Staaten in der Welt und auf die internationale Weltordnung insgesamt hat. Grundlage für diese Untersuchung ist zum einen die einschlägige Literatur, zum anderen sind es zahlreiche Interviews mit amerikanischen und chinesischen „top officials“. Dabei „überrascht nicht“, so Terhalle, „dass die meisten an-onym bleiben wollten“, was wiederum den Rezensenten überrascht, denn so voller Geheimnisse ist das Thema nun wirklich nicht. Als dritte Quelle hat der Autor Zeitungen benutzt und das, was China online (auf Englisch) anzubieten hat. Ergänzend noch - „ganz wichtig“ - „Reden und Bemerkungen“ der jeweiligen Präsidenten (Vereinigte Staaten und China) und führender Offizieller - ebenfalls online.

          Terhalle nimmt die Finanzkrise 2008/9 als eine Art turning point in den internationalen Beziehungen zum Ausgangspunkt seiner Untersuchung. China pumpte damals 600 Milliarden US-Dollar in die heimische Wirtschaft und verhinderte damit den Zusammenbruch der Weltwirtschaft. Das bedeutete gleichzeitig die stillschweigende Anerkennung Chinas als einer Art Großmacht, die in mehreren Bereichen erkennbar zum Gegner oder zumindest Konkurrenten der Vereinigten Staaten wurde. China war an den von den Vereinigten Staaten bestimmten Weichenstellungen der vierziger Jahre - unter anderem Internationaler Währungsfonds, Weltbank - nicht beteiligt. Der Aufstieg Chinas veränderte die Kräfteverhältnisse an den internationalen Finanzmärkten. Kann der chinesische Yuan nach der Finanzkrise zu einer Weltwährung aufsteigen und die Vorherrschaft des Dollars brechen? Terhalle zitiert einen chinesischen Botschafter mit folgenden Worten: „Wir wissen, dass wir uns heute noch nach euren Spielregeln richten müssen, aber in zehn Jahren bestimmen wir die Regeln.“ Mit der von Peking ins Leben gerufenen neuen Entwicklungsbank (der AIIB: Asiatischen Infrastrukturbank), an der sich die Vereinigten Staaten trotz Aufforderung nicht beteiligen, mischt China jetzt schon die Weltordnung auf, auch wenn Präsident Xi Jinping sogleich abwiegelte: „Wir müssen gemeinsam eine regionale Ordnung schaffen, die besser zu Asien und zum Rest der Welt passt.“

          Zu dieser von China vorgegebenen „regionalen Ordnung“ gehört sicher nicht der chinesische Anspruch auf das rohstoffreiche Südchinesische Meer, was Chinas Nachbarn seither beunruhigt. Unterstützung erwarten diese Länder von den Vereinigten Staaten, die im Sommer 2014 China denn auch mit scharfen Worten warnten, man werde nicht wegsehen, „wenn die fundamentalen Prinzipien der internationalen Ordnung herausgefordert werden“. China betreibt Realpolitik, wenn es zum Beispiel im UN-Sicherheitsrat einmal so und einmal so agiert. Im Übrigen genauso wie die übrigen Veto Mächte dort. Das ist grundsätzlich nichts Neues. Weltmacht ist China - noch - nicht.

          Hohe Wachstumsraten, ein globales Navigationssatellitensystem und Weltraumaktivitäten reichen allein nicht aus, um Weltmacht zu sein; man muss, so Terhalle an anderer Stelle, „Gefolgschaft und damit Legitimität in der Welt gewinnen, sonst wird es einsam und auf Dauer politisch teuer“. Dabei hat China geographische Nachteile im Vergleich zu den Vereinigten Staaten mit deren nach wie vor grundsätzlich guten Beziehungen zu Europa, Japan, Indien und anderen Staaten. „Ersatz“ sucht China erfolgreich in Afrika. Ob China jemals Weltmacht wird, bleibt abzuwarten.

          Terhalle legt eine interessante Arbeit vor, doch das Thema birgt nicht so wahnsinnig viel Neues. Ob das Buch denn gleich ein „Klassiker“ werden wird, darf füglich bezweifelt werden. Das liegt auch an dem eher zähen Englisch des Autors, das nicht unbedingt zum Lesevergnügen beiträgt. Vom Preis ganz zu schweigen.

          Maximilian Terhalle: „The Transition of Global Order“. Legitimacy and Contestation. Palgrave Macmillan, Basinstoke/ New York 2015. 267 S., 99,84 €.

          Palgrave Macmillan, Basingstoke/New York 2015. 267 S., geb., 99,84 €.

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