https://www.faz.net/-gpf-9ryye

Die Dagebliebenen : Umstandslose Abrissbirne

Lütten Klein im Jahre 1971. Bild: Picture-Alliance

Was in der DDR neu und modern war, ist heute vielfach Quell großer Unzufriedenheit. Betrachtungen über ein Wohnviertel in Rostock.

          4 Min.

          Lütten Klein heißt ein Wohngebiet zwischen der Rostocker Innenstadt und Warnemünde an der Ostsee. Ein Plattenbaugebiet, in der DDR sagte man Neubaugebiet. 40 000 Menschen haben in den achtziger Jahren dort gewohnt. Und sie lebten gern dort, die ferngeheizten Wohnungen waren begehrt, Kindergarten und Schule, Kaufhalle und Ärztehaus (Ambulatorium) lagen gleich um die Ecke, ebenso der S-Bahnhof. Bis zum Strand war es nicht weit, auch nicht bis zu den Arbeitsplätzen vor allem im Schiffbau. In Lütten Klein ist der Soziologe Steffen Mau aufgewachsen. „Lütten Klein“ heißt auch sein aktuelles Buch, eine Studie über das „Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft“. Er beschreibt im ersten Teil das Leben in der DDR, um dann im zweiten zu zeigen, wie die DDR der Westen wurde und was dabei mit den Ostdeutschen geschah. Immer wieder kommt er auf sein Heimatviertel zu sprechen. Denn alles, was er zu sagen hat, lässt sich in Lütten Klein wie an einem Modell zeigen. Es ist also eine Mischung aus wissenschaftlicher Studie und persönlichem Erinnern. Solche Nähe zum Forschungsgegenstand ist problematisch, macht die Darstellung andererseits aber auch lebendiger und vielleicht auch schlüssiger.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          In der DDR-Zeit war Lütten Klein voller junger Leute, Rentner gab es kaum. Heute ist es umgekehrt. Die Kaufhalle ist von einem neu errichteten Einkaufszentrum abgelöst worden, groß wie ein Fußballfeld. Eine Wiese wurde zu einem Boulevard. Mau lebt schon längst nicht mehr dort, auch seine Eltern wohnen seit Jahren ein paar Kilometer entfernt in einem eigenen Haus. Mau besuchte für seine Recherchen noch einmal die alte Wohnung, er traf auf eine Rentnerin, die gerade dabei war, im alten Kinderzimmer zwei afghanischen Flüchtlingsmädchen Deutsch beizubringen. Beim Blick aus dem Fenster bemerkte er, dass die Aussicht inzwischen eine völlig andere ist. Er habe, schreibt er, sowohl Distanz als auch Nähe empfunden: „Distanz, weil mein eigenes Leben heute mit dem Lütten Kleiner Alltag so wenig gemein hat; Nähe, weil mir die Art, auf die Welt zu schauen, und das mentale Gepäck vieler Bewohner denn doch vertraut waren.“

          Erstaunlich am DDR-Teil ist der wohlwollende Ton. Vielleicht liegt es daran, dass Mau hier auch über seine Jugend schreibt, an die er sich gern erinnert. Da heißt es geradezu stolz: „Ob in der Jugendkultur, in den Datschensiedlungen, bei Festivals, am FKK-Strand oder in der Kleinkunstszene – an vielen Orten spross ein Eigenleben, das manche westliche Beobachter (und manchmal sogar uns selbst) überraschte.“ Mau liebt zudem subtile Seitenhiebe auf den Westen. Etwa wenn er sagt: „Das Biografiemodell der DDR war eines der frühen Elternschaft und der frühen Eheschließung, nicht der ewig andauernden Postadoleszenz“. Oder noch provozierender: „Vermutlich konnte man in der DDR der achtziger Jahre einfacher und unreflektierter Deutscher (und DDR-Bürger) sein als in der Bundesrepublik.“ Am Schluss des DDR-Kapitels nennt Mau eine Reihe von Gründen, warum es mit der DDR zu Ende gehen musste. Einer lautet aus seiner Sicht: mangelnde Aufstiegsmöglichkeiten für die Jugend. Aber sind die DDR-Bürger im Herbst 1989 tatsächlich deswegen auf die Straße gegangen? Nein, ihr Hauptziel war schon größer: Sie wollten endlich Freiheit.

          Weitere Themen

          Warum das Geld nicht glücklich machte

          Deutsche Einheit : Warum das Geld nicht glücklich machte

          In der alten Bundesrepublik galt das Streben nach Wohlstand als Bollwerk gegen den Nationalismus. Im Osten hat das nur bedingt funktioniert. Die jüngsten Landtagswahlen zeigen: Immer mehr Bürger stellen das Nationale wieder über das Materielle.

          Topmeldungen

          Bahn-Chef Richard Lutz (rechts) und der bisherige Finanzvorstand Alexander Doll

          Führungschaos bei der Bahn : Höchste Eisenbahn

          Zuletzt hatte es noch Hoffnung geben, die Bahn könnte ihre Probleme hinter sich lassen. Doch nun tobt ein Führungschaos in der Chefetage. Das erste Opfer: Finanzvorstand Alexander Doll. Aber der eigentliche Skandal liegt woanders.

          Parteitag der Grünen : Alles scheint möglich

          Die Grünen profitieren enorm von der Debatte über den Klimaschutz. Auf ihrem Parteitag in Bielefeld wollen sie sich inhaltlich trotzdem weiter öffnen. Und eine Frage schwebt über allem: Wird es einen grünen Kanzlerkandidaten geben?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.