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Erinnerungen : Erinnerung eines Allwissenden

  • -Aktualisiert am

Bärbel Bohley, hier bei der Demonstration am 4. November 1989 Bild: Barbara Klemm

Warum Memoiren nicht „die“ historische Wahrheit wiedergeben, zeigt auch dieses - trotzdem wichtige - Buch.

          4 Min.

          Rolf Henrich ist Dissident – seine Bindung an die SED war stets elastisch, bis sie schließlich riss. Seine Biographie führt er als „Geschichte einer politischen Desillusionierung“ ein, was ebenso interessant wie außergewöhnlich ist. Während des Prager Frühlings hoffte der junge Genosse auf ein Aufbrechen der stalinistischen Strukturen in der DDR und sah sich prompt dem Vorwurf des „Revisionismus“ ausgesetzt. Die Partei ließ Gnade walten, der Jurist konnte sich ein Standing im Kollegium der Rechtsanwälte der DDR erarbeiten. Im Frühjahr 1989 wurde er aus der Partei ausgeschlossen und mit einem Berufsverbot belegt – seine in der Bundesrepublik erschienene Generalabrechnung mit dem „Vormundschaftlichen Staat“, so der Titel damals, hatte die greise Parteispitze provoziert, die bis zuletzt glaubte, ihre führende Rolle im maroden Realsozialismus weiterspielen zu können.

          Henrich war sich zu diesem Zeitpunkt längst im Klaren darüber, wo er steht und welchen Weg er geht: Der vormalige Parteisekretär bewegte sich als Persona non grata im Milieu der Andersdenkenden und beteiligte sich an der Gründung des Neuen Forums. Im Gegensatz zu anderen Protagonisten der Friedlichen Revolution hat sich Rolf Henrich im wiedervereinigten Deutschland ins Private zurückgezogen. Ein Versuch, verlegerisch zu reüssieren, war gescheitert. Nach seiner Rehabilitierung beschränkte er sich auf sein Anwaltsgeschäft. Nachdem er zunächst „ausgemusterte Tschekisten“ beraten und vertreten hatte, entzog sich Henrich der Öffentlichkeit – und den Diskussionen über Verstrickungen und Mitverantwortung. Streng urteilt der heute Fünfundsiebzigjährige über den Umgang mit den Stasi-Akten und „das öffentliche Geschrei“ der Unterdrückten von einst, „die von der Schuld anderer profitieren wollten, die Rächer und Vergelter“.

          Dass Henrich nicht zum Kreis jener DDR-Zeitzeugen gehört, die alljährlich zu einschlägigen Jahrestagen den erinnerungskulturellen Diskurs prägen, liegt auch, aber nicht nur an einer vergifteten Unterschrift, die er selbst einst leistete: Die Staatssicherheit hatte den jungen Genossen 1966 „im passenden Moment“, wie er schreibt, angeworben und in den Einsatz ins „Operationsgebiet“, also in die Bundesrepublik, geschickt. Die konspirativen Machenschaften des IM Streit sind bekannt – sie böten indes trotz seiner späteren Wandlung zum Kritiker der Parteidiktatur mutmaßlich immer wieder Anlass für die Forderung nach einer persönlichen Rechtfertigung.

          In den Erinnerungen reflektiert er seinen einstigen „Fanatismus und seine Borniertheit“ – beides sei ihm heute fremd: „Aber es ist passiert. Scheinbar geht das meiste Unglück wirklich von Menschen aus, wie ich einer gewesen bin, von überspannten Jünglingen, die Lehren eines wie immer gearteten Befreiungskampfes anhängen.“

          Rolf Henrich ist intelligent, er durchschaute den Dogmatismus, die Mechanismen der Repression und die politische Auslegung des Rechts: „Bewegte man sich brav in der Spur, brauchte man einen Zusammenprall mit marxistisch-leninistischen Gesinnungswächtern nicht zu fürchten. Andernfalls drohte einem schnell die Entlarvung als ,Revisionist‘“. So hat er gelebt – das richtige Leben im falschen. Henrich war überzeugt von sich und seiner Mission und durchlief Phasen naiver Begeisterung bis zu lähmender Langeweile in der geistigen Enge in der DDR. Er zeichnet das im eigenen Heldenmief erstickte Parteimilieu nach, die kafkaeske Welt der DDR-Justiz mit der allgegenwärtigen Staatssicherheit. Und seine Flucht in die private Nische, in ein ländliches Refugium „auf wackeligen Stühlen vor unserer Backofenruine“, wo ihn die Beschäftigung mit Rudolf Bahro und Robert Havemann nicht losließ.

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