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Vordenker : Viele kleine Schritte

  • -Aktualisiert am

Egon Bahr und seine zentrale politische Bezugsperson Willy Brandt Bild: Fred Ihrt / Picture Press

Egon Bahr entwickelte schon früh Planspiele für die Wiederherstellung der Einheit Deutschlands - und provozierte damit viele.

          3 Min.

          Wir schreiben das Jahr 1980. Es ist das Jahr der deutschen Wiedervereinigung. Nein, es handelt sich nicht um einen Druckfehler, sondern um das Ende eines Planspiels, wie es Egon Bahr Mitte der sechziger Jahre entwarf. „Ich wünschte“, schrieb er, „es gäbe eine Politik, die das Ziel schneller erreicht. Aber sie ist nirgendwo zu sehen.“

          Deutlicher als an anderer Stelle tritt in der nun erstmals vollständig veröffentlichten Schrift „Was nun?“ aus dem Jahr 1966 sein zentrales Ziel hervor: die deutsche Einheit. Sie sei, davon war er überzeugt, nicht mehr als einzelner Akt denkbar, sondern erfordere einen längeren historischen Prozess der kleinen Schritte, den er skizzierte und in Gang gesetzt sehen wollte. In seinem ausgeklügelten Mehrstufenplan, der mal leichtfüßig, mal im Duktus eines Sicherheitsexperten daherkommt, sah er dafür unter anderem die De-facto-Anerkennung der DDR, die Herauslösung der beiden deutschen Staaten aus den Bündnissystemen und ihre Einbindung in ein neues europäisches Sicherheitssystem vor. So sei ein Zustand der Sicherheit für und vor Deutschland erreichbar. In diesen Thesen, ob der temporären Akzeptanz deutscher Zweistaatlichkeit oder der Herauslösung der Bundesrepublik aus der Nato, lag politischer Sprengstoff.

          Bahr selbst spricht eingangs von einer „positiven politischen Utopie“, die nach der Ära Adenauer „unentbehrlich“ erscheine, um „die ungeheuren Geröllhalden der deutschen Teilung wegzuräumen“ und die „immer größere Kluft zwischen den Worten und der Wirklichkeit“ zu schließen. Sein Vorgesetzter, der Berliner Regierende Bürgermeister Willy Brandt, als dessen Senatspressechef Bahr wirkte, befürchtete, dass mit einer solchen Veröffentlichung zu viel Staub aufgewirbelt werde. „Er hatte wohl recht“, meinte Bahr noch 1991 und beließ es bei einer kleinen Spur des Zweifels.

          Umso mehr hätte ihn die Publikation im dreißigsten Jahr der Einheit gefreut, wie sie Peter Brandt und Jörg Pache nun in gelungener Weise besorgt haben. In ihrer Einleitung ebenso wie in den Einzelkommentaren liefern sie vielfältige Hintergrundinformationen zur Geschichte des Kalten Krieges, zur Entspannungspolitik und zu Bahrs Biographie. Was darin steht, ist sachlich gehalten und doch mit einiger Sympathie für den Protagonisten der Schrift verfasst. Peter Brandt ist ein nüchtern argumentierender Historiker, aber auch der älteste Sohn von Bahrs zentraler politischer Bezugsperson. Zudem sind die zeitweiligen Affinitäten des „linken Patrioten“ zu Bahrs Überlegungen einer alternativen Deutschland- und Sicherheitspolitik kaum zu übersehen.

          Gewiss ist die vorrangige Aufgabe einer Edition nicht, Kritik zu üben, sondern ein Dokument in seinen zeitlichen Kontexten erkennbar werden zu lassen. Diese wertvolle Grundlagenarbeit liefern Brandt und Pache. In welch scharfes Kreuzfeuer der Kritik der eigenwillige Denker und Stratege Bahr mit seinen Ideen wiederholt geriet, deuten sie indes nur an.

          „Was nun?“ lag zwar jahrzehntelang verschlossen in der Schublade, ein anderes Planungspapier Bahrs aus dem Jahre 1968 wurde aber fünf Jahre später von der Illustrierten „Quick“, wie es heute wohl hieße, geleakt. Unter der reißerischen Überschrift „Wie Egon Bahr Deutschland neutralisieren will“ präsentierte die auflagenstarke Zeitschrift seine Überlegungen zur Überwindung der Blöcke, zur Schaffung eines europäischen Sicherheitssystems und zur Wiedervereinigung. Wie schon früher brachte ihm das den dreifachen Vorwurf ein, er sei nationalistisch, neutralistisch und antiwestlich gestimmt. Auch in späteren Jahren wiederholten so unterschiedliche Kritiker wie Arnulf Baring, Gesine Schwan und Henry Kissinger die Klage. Der einstige amerikanische Außenminister nannte Bahr einen „deutschen Nationalisten“, der „kein überzeugter Anhänger der westlichen Gemeinschaft“ und „frei von allen gefühlsmäßigen Bindungen an die Vereinigten Staaten“ sei.

          Wie sehr Bahr noch nach dem Vollzug der deutschen Einheit vor allzu großer „Amerika-Beflissenheit“ warnte, unterstrich er 2003 mit seiner Streitschrift „Der deutsche Weg“, in der er unter Verwendung dieses historisch höchst aufgeladenen Begriffs die Normalisierung eines allzu vergangenheitsfixierten Nationsverständnisses anregte. Nur so könne Deutschland eine Führungsrolle im Rahmen europäischer Sicherheitsstrukturen einnehmen. „Hätte ein CDU-Vordenker solche Sätze publiziert“, lautete ein spitzer Kommentar in dieser Zeitung, „hätten die Jusos früher Mahnwachen vor dem Konrad-Adenauer-Haus aufgestellt.“

          Ob sich von Egon Bahr für die internationalen Herausforderungen der Gegenwart noch etwas lernen lässt, mag man bezweifeln. Mit seiner Schrift „Was nun?“ sind aber die ebenso zeitgebundenen wie provokativen Thesen eines der letzten großen Intellektuellen und Strategen der deutschen Sozialdemokratie wiederzuentdecken.

          Peter Brandt / Jörg Pache (Hrsg.): Egon Bahr. Was nun? Ein Weg zur deutschen Einheit.

          Suhrkamp Verlag, Berlin 2019. 222 S., 24,– .

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