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Vor dem Ende : Wenn Antworten fehlen

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Delegierte beim SED-Parteitag 1963 Bild: Picture-Alliance

Die „Vorhut der Arbeiterklasse“ war schon vor dem Zusammenbruch der DDR innerlich ausgezehrt.

          „Unter Bezugnahme auf Feststellungen über die Stimmungslage unter den Werktätigen, auf den drastischen Anstieg der Ausreisebestrebungen bzw. die „Massenfluchten“ von DDR-Bürgern in die BRD und nach Westberlin, aber auch unter Hinweis auf die sich häufenden Austritte bzw. angekündigten Austrittserklärungen aus der SED, schlussfolgern SED-Mitglieder und andere progressive Kräfte, es zeichne sich ein wachsender Vertrauensschwund zwischen Volk und Partei ab“, berichtete die Zentrale Auswertungs- und Informationsgruppe (ZAIG) des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR am 11. September 1989 an die engere Partei- und Staatsführung. Die seit mehreren Wochen signifikant ansteigenden Parteiaustritte aus der SED beunruhigten die Stasi schon länger.

          Sie nannte drei Hauptursachen für diese Entwicklung: die chronischen wirtschaftlichen Probleme, speziell die vielfältigen Versorgungsschwierigkeiten, mangelndes Vertrauen in die politische Führung und die Ablehnung der „Informationspolitik der Partei“. Mit dieser Einschätzung lag die Stasi nicht falsch, aber natürlich waren die zugrundeliegenden Prozesse komplexer. Welche Entwicklungen in die rasante Erosion der SED-Basis im Herbst 1989 mündeten, untersucht Sabine Pannen in ihrer Dissertation. Sie greift damit ein Thema auf, das von der DDR-Forschung bisher eher stiefmütterlich behandelt wurde. Auch fast 30 Jahre nach dem Mauerfall wissen wir vergleichsweise wenig über das Innenleben der Staatspartei und die Rolle ihrer vielen Mitglieder im Herrschafts- und Gesellschaftsgefüge der DDR.

          Pannen betrachtet die Parteibasis in der Langzeitperspektive – mit einem Schwerpunkt auf die Zeit von 1979 bis 1989 – nicht nur in ihrer Herrschaftsfunktion, sondern auch ihre Wandlungen und Bindungsverluste. Die SED, die ihre Mitgliederzahlen seit den sechziger Jahren stetig ausbaute, um in allen politischen und gesellschaftlichen Bereichen bis ins kleinste Dorf als „führende Kraft“ agieren zu können, war mit 2,3 Millionen Mitgliedern (1987) bei knapp 16 Millionen DDR-Einwohnern nicht nur eine Massenpartei, sondern auch integraler Bestandteil der DDR-Gesellschaft.

          Die Untersuchung verbindet makro- und mikrohistorische Perspektiven. Da die SED primär nach dem Produktionsprinzip organisiert war, untersucht die Autorin exemplarisch die Betriebsparteiorganisation des VEB Stahl- und Walzwerks Brandenburg an der Havel, in dem fast 10 000 Mitarbeiter beschäftigt waren. Ob dieser große Industriebetrieb in jeder Hinsicht für die DDR beispielhaft war, ist allerdings fraglich. Auch die Repräsentativität der zehn als Interviewpartner ausgewählten ehemaligen Mitarbeiter des Stahlwerkes ist unklar – ihre Äußerungen haben daher vor allem atmosphärischen Wert.

          Pannen beschreibt eine sich seit den sechziger Jahren vollziehende Entpolitisierung der SED-Mitgliederschaft, die einherging mit dem stetigen Ausbau der innerparteilichen Integrationsinstrumente. Die Parteimitglieder fungierten vor Ort als Politikerklärer und gleichzeitig als Ansprechpartner für Alltagssorgen, als Problemlöser und „Kümmerer“. Auf diese Weise nahm die Parteibasis eine Vermittlerrolle zwischen der politischen Führung und den Nichtparteimitgliedern ein.

          Die SED machte ihre Mitglieder zu Ideologievermittlern und half ihnen bei dieser durchaus nicht immer angenehmen Rolle, indem sie ihnen durch ein parteiinternes Informationssystem einen Wissensvorsprung bereitstellte. Doch das „Parteileben“ erschöpfte sich nicht in dieser Top-Down-Kommunikation. Probleme aller Art wurden – unter anderem über ein innerparteiliches Eingabewesen – auch nach oben kommuniziert, wenn auch mit bescheidenem Effekt. Dieses System – so ein wichtiges Ergebnis der Studie – war ein zentrales Element der Parteidiktatur, funktionierte aber im Laufe der achtziger Jahre immer weniger: Die zunehmenden Defizite in Wirtschaft und Versorgung, die Reformen in der Sowjetunion, die anschwellende Ausreisebewegung und schließlich das Erstarken der Opposition hatten massive Auswirkungen auf die inneren Verhältnisse in der SED. Auch als 1986/87 plötzlich über eine Million DDR-Bürger in den Westen reisen durften und die dortigen Verhältnisse aus eigener Anschauung mit denen des eigenen Landes verglichen, führte das zur Demoralisierung vieler SED-Mitglieder.

          Die Partei verlor zunehmend ihre Steuerungsfähigkeit, weil sie auf die massiven ökonomischen und politischen Probleme keine Antworten fand. Viele Genossen fühlten sich von ihrer Partei im Stich gelassen und sahen sich nicht mehr in der Lage, ihre Vermittlerrolle weiter auszuüben. Verstärkt wurde dies durch die Ausstrahlung von Glasnost und Perestrojka auf die DDR, die eine allgemeine innerparteiliche Repolitisierung bewirkte und so die althergebrachten innerparteilichen Kommunikationsformen und Unsagbarkeitsregeln in Frage stellte. All das – so die zentrale These der Arbeit – waren die entscheidenden Ursachen für die innere Erosion der SED, die den Massenaustritten im Herbst 1989 voranging. Jetzt spitzte sich die Situation weiter zu: Letzte Disziplinierungsversuche von oben versagten oder beschleunigten nur noch den Zerfall – wie der Umtausch der Parteidokumente im Sommer 1989. Die Macht der Staatspartei wurde nicht nur durch den Druck von außen, sondern auch durch die eigene Desintegration gebrochen. Sabine Pannen hat diesen Prozess anschaulich und analytisch überzeugend dargestellt. Obwohl Redundanzen das Lesevergnügen immer wieder etwas trüben, ein empfehlenswertes Buch.

          Sabine Pannen: Wo einGenosse ist, da ist die Partei! Der innere Zerfall der SED-Parteibasis 1979–1989.

          Ch. Links Verlag, Berlin 2018. 359 S., 40,– .

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