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Vom Mauerbau zum Mauerfall : Was die DDR-Bürger so dachten

  • -Aktualisiert am

DDR-Bürger in Trabant-Autos zwischen Obersuhl und Untersuhl am 12. November 1989 Bild: Mirko Krizanovic

Geheime Umfragen über die Einstellung der Ostdeutschen zur Wiedervereinigung störten Bonns Politik.

          Meinungsumfragen erfreuen sich in der Bundesrepublik seit Jahrzehnten großer Beliebtheit. Ihre Anfänge gehen bis in die unmittelbare westdeutsche Nachkriegszeit zurück. Die Methoden der Befragung wurden kontinuierlich verfeinert und damit im Laufe der Zeit ein riesiges Datenmaterial angehäuft, das sich bei Politikern, Wissenschaftlern und in der Wirtschaft stetig wachsender Beliebtheit erfreute. Nur die Deutschen in der SBZ/DDR konnten in die Befragungen nicht einbezogen werden, weil weder die Sowjets noch die SED-Führung so genau wissen wollten, was „ihre“ Deutschen dachten. Nur im Bereich der Jugendforschung machte die SED später Ausnahmen. Die Ergebnisse blieben aber streng unter Verschluss. Sonst verließ man sich auf „Befragungen“ durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), das dann sogar erkannte „Feinde“ namhaft machen konnte.

          Anders im Westen. Hier wollte man schon genauer wissen, was die DDR-Bevölkerung von der eigenen Lage, dem kommunistischen System, aber auch von den Verhältnissen im Westen und den dortigen Politikern hielt. Da Befragungen der wenigen DDR-Bürger, die in den Westen reisen durften - meist Rentner, entweder nicht repräsentativ genug erschienen oder als für die Befragten zu gefährlich eingeschätzt wurden, suchte man nach Auswegen. Über das Ergebnis berichtet die Publikation von Everhard Holtmann und Anne Köhler.

          Die Mitautorin Köhler hat das Befragungsprojekt von 1968 bis 1990 aktiv begleitet. Initiator war der damalige Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen Herbert Wehner (SPD). Sein Ministerium, 1969 umbenannt in Bundesministerium für Innerdeutsche Beziehungen (BMB), finanzierte die Aktion. Die Idee war, wenn man die DDR-Bürger schon nicht selbst befragen konnte, stellvertretend für sie Westdeutsche zu befragen, die besuchsweise in die DDR gereist waren und dort Gelegenheit hatten, ausführliche Gespräche mit einzelnen Verwandten oder Bekannten zu führen. Die ausgefeilte Methode hatte das Meinungsforschungsinstitut Infratest entwickelt, das auch die Durchführung übernahm. Die Anonymität der somit indirekt befragten DDR-Bürger blieb auch gegenüber den Befragern gewahrt, was sich nachträglich noch als wichtig erweisen sollte.

          Die Autoren schätzen den Wert der „Auskünfte“ hoch ein. Die Einschätzungen seien oft von späteren Ereignissen bestätigt worden. Das in mehr als zwanzig Jahren gesammelte Datenmaterial, das nun erstmals der Öffentlichkeit vorgelegt wird, schließe eine bisher schmerzhaft empfundene Lücke in der empirischen Sozialforschung. Die Autoren zeigen sich überrascht, dass die Aussagen der indirekt Befragten oft kritischer gegenüber den Verhältnissen in der DDR waren als die Meinungen von Vertretern der politischen Klasse in der Bundesrepublik, Politiker wie Vertreter der Wirtschaft oder Medien. Sie führen diesen Befund darauf zurück, dass diese bei offiziellen Besuchen „vor allem mit Vertretern des Regimes zusammentrafen“ und „bevorzugt mit gefilterten Informationen und Sprachregelungen des DDR-Systems versorgt wurden“. Das kann sein. Man muss leider hinzufügen, dass dies auch für Vertreter der Kirchenleitungen in der DDR gilt, die gern von hochrangigen Westbesuchern angesteuert wurden, denen sie dann etwa in der Wiedervereinigungsfrage ein völlig falsches Bild der Stimmung in der DDR- Bevölkerung vermittelten.

          Ein anderes Problem treibt die verdienstvolle Anne Köhler von Infratest Dimap um. In einer „rückblickenden Nachbemerkung“ schildert sie, wie sie jahrelang im BMB mit „einem Regierungsdirektor K. G.“ zusammenarbeitete. Der Referent für Grundsatzfragen der Politik im BMB Knut Gröndahl wurde nach der Wende als IM „Töpfer“ des MfS enttarnt und verurteilt. Frau Köhler stellt nun die bange Frage: „Hat die DDR-Regierung die Berichte unserer Stellvertreterforschung für die gesamte Zeit hinweg mitgelesen?“ Das ist wahrscheinlich; aber ein größerer Schaden ist dadurch wohl nicht entstanden.

          Die Regierungen in Bonn und Ost-Berlin hatten eines gemeinsam: Beide wollten nicht, dass publik wurde, was die DDR-Bevölkerung wirklich dachte. Das BMB stempelte die fünf Exemplare des jeweiligen Berichts von Infratest sofort „geheim“. Zwei Exemplare erhielt das Bundeskanzleramt. Im BMB wurde ein großes Geheimnis um deren Inhalt gemacht. Nicht einmal der Präsident des (dem BMB nachgeordneten) Gesamtdeutschen Instituts (der Autor dieser Rezension) bekam in 19 Bonner Dienstjahren jemals ein Exemplar zu Gesicht, obwohl er „geheimermächtigt“ war.

          Everhard Holtmann/ Anne Köhler: Wiedervereinigung vor dem Mauerfall. Einstellungen der Bevölkerung der DDR im Spiegel geheimer westlicher Meinungsumfragen. Campus Verlag, Frankfurt a.M. 2015. 323 S., 39,90 €.

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