https://www.faz.net/-gpf-7ksgs

Volker Ullrich: Adolf Hitler : „Führer“ ohne Volk

  • -Aktualisiert am

„Heldengedenktag“ in Berlin am 17. März 1935. Bild: S. Fischer Verlag

Volker Ullrich hat eine Biographie über Adolf Hitler und dessen Kanzlerzeit bis 1939 geschrieben, vernachlässigt dabei jedoch den Blick auf die Deutschen, ohne die er nichts geworden wäre.

          Von Blaise Pascal ist der Satz überliefert: Entschuldigen Sie den langen Brief, ich hatte keine Zeit, einen kurzen zu schreiben. Wer heute eine Hitler-Biographie vorlegt, wird darauf achten, aus den nach Zehntausenden zählenden Publikationen über den Nationalsozialismus und seinen „Führer“ jene Informationen zu filtern, die sich als plausibler Wissenskern herauskristallisieren lassen. Und er sollte literarisch so gewichten und verdichten, dass er die Aufmerksamkeitsökonomie seiner Leserinnen und Leser nicht überfordert. Denn an Wissen und Interpretationen ist kein Mangel.

          Konrad Heiden schilderte schon in den 1930er Jahren seinen Zeitgenossen Hitler in bemerkenswerter analytischer Schärfe. Alan Bullock interpretierte den NS-„Führer“ in den 1950er Jahren, orientiert an Hermann Rauschning, als machtfixierten Nihilisten. Eberhard Jäckel wies in den 1960ern den Weg, Hitler als Ideologen mit einem Kern klarer Ziele, an denen sich NS-Politik bis 1945 orientierte, ernst zu nehmen. Joachim Fest legte 1973 eine sprachmächtige Biographie vor, in der Hitler vor allem als konzentriert-radikale Rettungsprojektion namentlich des deutschen Bürgertums erschien. Literarisch brillant, aber wissenschaftlich - bisweilen bis zur Gegenwart - überschätzt, können Fests Arbeiten heute vor allem als Zeitzeugnis für den Stand und die Grenzen der Reflexion auf den Nationalsozialismus in den 1970er Jahren gelesen werden. Daneben erschienen immer wieder biographische Texte, mit denen Hitlers Herrschaft und deren Interpretation neue Facetten beigefügt wurden, denen aber heute vor allem historiographische Bedeutung zukommt. Gerhard Schreiber hat die Vielfalt solcher Auslegungen in den 1980er Jahren in einer Zusammenschau präsentiert.

          In den 1990er Jahren schließlich erarbeitete Ian Kershaw, nachdem er sich viele Jahre mit den strukturellen Herrschaftsmechanismen des NS-Staates beschäftigt hatte, ein Porträt Hitlers gegen den biographischen Strich: eine Lebensbeschreibung gleichsam gegen die Wirkmächtigkeit seines Objekts. Mit der Lektüre Kershaws lernt man viel über den Nationalsozialismus mit seinen „dem Führer entgegenarbeitenden“ Strukturen und Personen, versteht die Bewegungsmechanismen und Radikalisierungsprozesse seiner rivalisierenden Institutionen. Hitler selbst, seine zentrale Bedeutung als fortwährender Produzent und Orientierungspunkt der ideologischen Kernenergie nationalsozialistischer Gewalt, erscheint dabei häufig vor allem als Projektionsfläche einer Massensehnsucht. Kershaws Buch, hoch reflektiert und von seinen Annahmen her stringent durchargumentiert, wirkte gleichwohl in manchen Passagen wie die Bestätigung des vielzitierten Diktums von Veit Valentin, die Geschichte Hitlers sei die Geschichte seiner Unterschätzung.

          Seit Kershaws letzter Band erschien, sind mehr als zehn Jahre vergangen, in denen gleichermaßen neue Erkenntnisse zutage kamen und weitere Forschungsthesen formuliert wurden. Beispielhaft zu nennen sind Brigitte Hamanns Buch über „Hitlers Wien“, Thomas Webers Darstellung zu Hitler im Ersten Weltkrieg oder Anton Joachimsthalers Detailstudien zu Hitlers Geschenkpolitik und den Umständen von dessen Tod. Zugleich sind seit einigen Jahren wichtige Dokumente erstmals vollständig zugänglich. Prominenteste „Quelle“ sind hier zweifellos die Tagebücher von Joseph Goebbels. Diese Vorgeschichte jahrzehntelanger intensiver Diskussion gilt es ins Bewusstsein zu rufen, wenn man eine neue Hitler-Biographie einordnen möchte, wie sie nun Volker Ullrich für die ersten fünfzig Jahre von Hitlers Leben bis Kriegsbeginn 1939 auf 838 Seiten Text plus mehr als 200 Seiten Anmerkungen und Literatur vorgelegt hat.

          Weitere Themen

          Die erste weibliche EU-Kommissionspräsidentin Video-Seite öffnen

          Von der Leyen gewählt : Die erste weibliche EU-Kommissionspräsidentin

          Es war knapp, aber am Ende hat es gereicht: Ursula von der Leyen erhielt mit 383 von 747 Stimmen äußerst knapp die notwendige Mehrheit im Europaparlament. Dadurch wird sie ab dem 01. November Jean-Claude Juncker als Kommissionspräsident ablösen.

          Sie war den Sternen versprochen

          Else Lasker-Schüler : Sie war den Sternen versprochen

          Für die Träume dieser Dichterin hatte die Welt nicht genug Raum: Wuppertal erinnert zu ihrem 150. Geburtstag an Else Lasker-Schüler und zeigt ihr letztes, als unaufführbar geltendes Theaterstück „Ich und Ich“.

          Topmeldungen

          Wahl von der Leyens : Eine pragmatische Lösung

          Das Europäische Parlament ist über seinen Schatten gesprungen und vermeidet mit der Wahl von der Leyens den Machtkampf mit dem Europäischen Rat. Der Erfolg der CDU-Politikerin sichert auch das Überleben der großen Koalition – fürs Erste.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.