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Völkermord der Kolonialzeit : Viel mehr als peinlich

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Bild: dpa

Bundestagspräsident Lammert bezeichnete im Sommer 2015 den Deutsch-Namibischen Kolonialkrieg als „Völkermord“, während das Auswärtige Amt als „politische Leitlinie“ für die Bundesregierung erklärte: „Der Vernichtungskrieg in Namibia von 1904 bis 1908 war ein Kriegsverbrechen und Völkermord.“

          Anfang Januar 2017 reichten Vertreter verschiedener Organisationen der Herero und Nama aus Namibia zum wiederholten Mal vor einem nordamerikanischen Gericht in New York Klage gegen die Bundesrepublik Deutschland ein. Die Kläger forderten Reparationszahlungen für den an ihren Völkern vor über hundert Jahren begangenen Genozid und die Enteignung ihres Landes durch die deutsche Kolonialregierung. Überdies verlangten sie die Beteiligung der Opfergruppen an den Verhandlungen, die zwischen der deutschen und der namibischen Regierung über den Umgang mit dem Völkermord seit Ende 2015 geführt werden. Im März wies die zuständige Richterin die Klage nicht sofort ab, sondern beraumte eine zweite Anhörung für den Sommer an. Die deutsche Seite um den Sondergesandten für die deutsch-namibischen Beziehungen, den CDU-Politiker und langjährigen Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses, Ruprecht Polenz, gab sich betont gelassen. Man werde unabhängig vom Gerichtstermin weiterverhandeln.

          Die Art und Weise, in der diese Verhandlungen bisher geführt wurden, trugen offenkundig jedoch wesentlich dazu bei, dass die namibischen Gruppen den Weg der Klage beschritten. Deren Repräsentanten fühlten sich, so berichten Reinhart Kößler und Henning Melber in ihrer aus aktuellem Anlass geschriebenen Studie, etwa von Äußerungen Polenz’ provoziert, der betont habe, der Völkermord an den Herero und Nama sei mit dem Genozid an den Juden nicht vergleichbar. Einige Opfervertreter zogen daraus den Schluss, in Polenz’ Sicht seien schwarze Leben weniger wert als weiße. Die Debatten und Kontroversen über den angemessenen Umgang mit den deutschen Kolonialverbrechen in Namibia zeichnet das Buch „Völkermord – und was dann?“ gründlich, kenntnisreich und gelegentlich redundant nach; es verdeutlicht, dass eine substantielle Auseinandersetzung über die koloniale Vergangenheit Deutschlands gerade erst am Anfang steht.

          Kößler und Melber, Veteranen der deutschsprachigen Namibia-Forschung, rekapitulieren zunächst noch einmal die Geschichte des Krieges der deutschen „Schutztruppen“ unter General Lothar von Trotha gegen die Herero und Nama in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Autoren sind sich mit der Mehrheit der Fachhistoriker einig, dass es sich dabei um einen Völkermord gehandelt habe. Diese Sicht hatte sich in internationalen akademischen Zirkeln um die Jahrtausendwende weitgehend etabliert, nicht jedoch im öffentlichen und politischen Diskurs. Dies änderte sich ein wenig anlässlich der hundertjährigen Wiederkehr des Genozids, als die damalige Ministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Heidemarie Wieczorek-Zeul, im Sommer 2004 auf einer Gedenkfeier in Namibias Hauptstadt Windhuk konzedierte: „Die damaligen Greueltaten waren das, was man heute als Völkermord bezeichnen würde – ein General von Trotha würde dafür heute vor Gericht gebracht und verurteilt.“

          Freilich vermieden Vertreter der rot-grünen Regierung, wie die beiden Autoren darlegen, ansonsten weiterhin das Wort „Völkermord“. Außenminister Joschka Fischer hatte überdies die Parole ausgegeben: „Eine entschädigungsrelevante Entschuldigung wird es nicht geben.“ Zwar versuchten diverse Initiativen in Namibia, aber auch Nichtregierungsorganisationen und einzelne Wissenschaftler in Deutschland das Thema fortan wiederholt auf die Agenda zu setzen, aber auch die folgenden Regierungskoalitionen in Berlin wollten von Reparationen und unmissverständlichen Entschuldigungen nichts wissen, verwiesen stattdessen etwa auf die besonders üppige Entwicklungshilfe, die Namibia zuteil würde.

          Neuen Schwung in die Debatte um Namibia brachten die Diskussionen über die Ermordung von etwa 1,5 Millionen Armeniern im Osmanischen Reich während des Ersten Weltkriegs. Sie kulminierten im Juni 2016 in einer Resolution des Bundestages, in der dieses Ereignis als Völkermord bezeichnet wurde. Dies provozierte bekanntermaßen den ganzen Zorn und wüste Invektiven des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, der etwa darauf verwies, Deutschland solle erst einmal über den Genozid in Namibia Rechenschaft ablegen, bevor es sich erdreiste, die Türkei mit dem Völkermord an den Armeniern zu beschuldigen. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) musste zerknirscht eingestehen, das Fehlen einer „ähnlich unmissverständlichen Erklärung“ zu Namibia, wie sie von deutscher Seite nun für Armenien vorliege, sei „bedauerlich und im Kontext der jüngeren Auseinandersetzung auch ein bisschen peinlich“.

          Lammert selbst hatte bereits im Sommer 2015 in einem Zeitungsartikel den Deutsch-Namibischen Kolonialkrieg als „Völkermord“ bezeichnet. Und nahezu zeitgleich erklärte das Auswärtige Amt folgenden Satz als „politische Leitlinie“ für die Bundesregierung: „Der Vernichtungskrieg in Namibia von 1904 bis 1908 war ein Kriegsverbrechen und Völkermord.“ Kößler und Melber stellen abschließend jedoch fest, dass der bisherige Verlauf der offiziellen Gespräche nicht die Hoffnungen eingelöst habe, die mit dem Schwenk im Sprachgebrauch der Bundesregierung und der Einleitung eines Verhandlungsprozesses geweckt worden seien. Leider fehlen ihrer instruktiven Darstellung vergleichende Perspektiven. Denn die Auseinandersetzung über den Kolonialismus und seine Folgen wird derzeit vielerorts geführt. Und wie schwierig und kontrovers die Beurteilung dieser Vergangenheit ist, musste nicht zuletzt der neue französische Präsident Emmanuel Macron erfahren. Als er während des Wahlkampfs Frankreichs Kolonialkrieg in Algerien ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ nannte, erntete er keineswegs nur Zustimmung, sondern auch harsche Kritik.

          Reinhart Kößler/Henning Melber: „Völkermord – und was dann?“ Die Politik deutsch-namibischer Vergangenheitsbearbeitung. Verlag Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 2017. 172 S., 19,90 €.

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