https://www.faz.net/-gpf-87cqj

Völkermord an Armeniern : Nur deutsche Überheblichkeit?

  • -Aktualisiert am

Kerzen stehen am 23.04.2015 in Form der Jahreszahl 1915 beim „Lichterzug der Vergessenen“ in Berlin. Bild: dpa

Die Autorin legt sich sehr einseitig auf einen „deutschen Anteil am osmanischen Völkermord“ fest, der über den einer billigenden Zeugenschaft, ja über eine Komplizenschaft hinausgegangen sei. Für Ingeborg Fleischhauer sind vor allem die deutschen Militärs und auch viele Diplomaten Mittäter, ja Anstifter.

          3 Min.

          Im Oktober 1915 - die türkische Regierung hatte soeben Firmenschilder in griechischer und armenischer Sprache verboten - notierte ein junger Diplomat in sein Tagebuch: „Sicher wird man uns Deutschen die Sache in die Schuhe schieben wollen, genauso wie man uns für die Armeniervertreibungen verantwortlich machen will, was anscheinend den Türken gar nicht so unlieb ist.“ Was verspürte der Mann? Ein schlechtes Gewissen, weil er um eine Komplizenschaft der Reichsregierung mit dem türkischen Verbündeten wusste? Oder Ärger, dass der Sattel geschlagen wurde, wo man das Pferd nicht treffen konnte, mit Deutschland also der Falsche gescholten wurde, während der wahre Täter sich ins Fäustchen lachte? Um den Charakter der deutschen Mitverantwortung für das, was nun auch die Bundesregierung einen Völkermord nennt, wird seit dem Ende des Ersten Weltkriegs gerungen. Zur 100. Wiederkehr des Beginns dieses Genozids sind zahlreiche Artikel und Bücher verfasst worden, die sich dem Problem meist redlich argumentierend stellten.

          Im Kern war es so, dass man sich in Berlin von der türkischen Furcht vor einem - den militärischen Erfolg gefährdenden - gesamtarmenischen Aufstand hatte anstecken lassen wollen. Die Greueltaten, über die man durch verlässliche Zeugen informiert war, lehnte man ab, doch einen Bruch mit den Türken wollte man um jeden Preis vermeiden. Ein wegen der wirtschaftlichen Abhängigkeit durchaus möglicher (wahrscheinlich wirksamer) Druck unterblieb aus bündnispolitischen sowie militärischen Motiven. Man darf dieses Verhalten schändlich finden, man mag es aus einer Kriegslogik verstehen wollen oder ihm als Ausdruck allgemeiner Enthemmung im gewaltsamen 20. Jahrhundert sogar gleichgültig gegenüberstehen. Aber ein schlechtes Buch, wie das hier anzuzeigende, hilft niemandem weiter.

          In Umfang und Anlage ähnelt die Studie von Eva Ingeborg Fleischhauer einer universitären Abschlussarbeit. Tatsächlich ist es eher ein Pamphlet als eine wissenschaftliche Arbeit. Die Autorin legt sich sehr einseitig auf einen „deutschen Anteil am osmanischen Völkermord“ fest, der über den einer billigenden Zeugenschaft, ja über eine Komplizenschaft hinausgegangen sei. Für Fleischhauer sind vor allem die deutschen Militärs und auch viele Diplomaten Mittäter, ja Anstifter. Alle bisherige Forschung dient aus ihrer Sicht nur der Beschönigung der Tatsachen, wie sie sich ihr darbieten. Da kriegt dann nahezu jeder renommierte Historiker, der sich je mit dem Thema befasst hat, sein Fett ab. Mancher, dem hier Leugnung oder Revisionismus unterstellt wird, wird sich wundern, in welcher Ecke er plötzlich steht. Nur wenige armenische Forscher können vor dem strengen Auge der Autorin bestehen. Wichtige, vor allem neueste Forschung wird dagegen nicht berücksichtigt, was umso mehr überrascht, wenn man im Text Zitate deutscher Spitzenpolitiker aus dem April dieses Jahres liest. Auch eigene Archivrecherchen hat Fleischhauer für ihre Studie nicht betrieben.

          Die Autorin schildert die deutsche Militärpräsenz in der Türkei bereits vor dem Ersten Weltkrieg, die nicht unwesentlich von Offizieren aus dem militärischen Geheimdienst bestimmt worden sei. Nach dem Desaster der türkischen Winteroffensive 1914/15, das von türkischer Seite den deutschen Beratern angelastet worden sei, hätten diese sich in einer „Notstands-Besprechung“ auf die Zwangsumsiedlung der Armenier geeinigt. Einen primären Beleg gibt es hierfür nicht. Die Autorin bietet stattdessen „die bekannte Einstellung der maßgeblichen Anwesenden in diesem Zeitraum sowie die nachfolgende Entwicklung“ als Beweis an. Anschließend hätten die gleichen deutschen Offiziere dem türkischen Kriegsminister die Armenier nicht nur als Sündenböcke für ihr eigenes Versagen angeboten, sondern es sei „nach türkischen Zeugnissen auf deutschen Druck der gemeinsame Beschluss zur Deportation der armenischen Bevölkerung gefasst“ worden. Zwar seien die Idee der Deportation und die Praxis der Vernichtung zwei verschiedene Dinge. Doch beiden Seiten sei klar gewesen, dass das eine aus dem anderen folgen werde. Erst der deutsche Druck habe den Jungtürken die Legitimität für ihr Handeln verschafft.

          Die ganze weithin unbelegte Argumentation läuft auf eine besondere Art westlicher Überheblichkeit hinaus. Sie unterstellt, dass die türkische Regierung ihre Verbrechen nicht alleine begehen konnte, sondern Druck von außen gebraucht und sich in dieser Frage von den Einflüsterungen deutscher Militärs, die man sonst keinen unbeobachteten Schritt machen ließ, abhängig gemacht hätte. Aber der Völkermord an den Armeniern ist nicht in Deutschland erfunden worden.

          Die Türkei war vor 1914 innerhalb des europäischen Staatensystems zweifelsohne ein schwacher Akteur gewesen und seitdem im Verhältnis zum deutschen Bündnispartner sicher der Junior, ausschließlich Objekt war sie jedoch nicht. Auch die türkischen Politiker waren zunächst einmal Machtpragmatiker, die sich in ihre Absichten nicht von außen hineinregieren ließen. Ihre Motive lagen in einem übersteigerten Nationalismus, der sich einen türkischen Kernbereich des osmanischen Vielvölkerstaats in relativer ethnischer Homogenität zu gestalten suchte. Hierfür fragten sie niemanden um Erlaubnis. In dem unmoralischen Wegsehen der deutschen Regierung und Militärs lag zu keinem Zeitpunkt eine stillschweigende Ermunterung zur Ermordung aller Armenier.

          Eva Ingeborg Fleischhauer: Der deutsche Anteil am osmanischen Völkermord 1915-1916. Edition Winterwork, Borsdorf 2015. 100 S., 11,90 €.

          Weitere Themen

          Durch Wände

          Scholl-Preis für Ahmet Altan : Durch Wände

          Den Geschwister-Scholl-Preis erhielt der türkeikritische Autor Ahmet Altan für sein Buch „Ich werde die Welt nie wiedersehen – Texte aus dem Gefängnis“. Mittlerweile ist es auf rund fünfzehn Sprachen erhältlich, nur auf Türkisch freilich noch immer nicht.

          Putin und Selenskyj treffen erstmals aufeinander Video-Seite öffnen

          Ukraine-Gipfel in Paris : Putin und Selenskyj treffen erstmals aufeinander

          Beim Ukraine-Gipfel in Paris beraten die Staatschefs der Ukraine, Russlands, Frankreichs und Bundeskanzlerin Angela Merkel über eine Friedenslösung. Außerdem nehmen Bundeskanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Macron an dem Treffen teil.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.