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Visionen : Die polnische Villa in Paris

Diese Zeitschrift veröffentlichte Dinge, die nach der Wende in Polen zu konkreter Politik wurden.

          Eine von Efeu umrankte Villa im Ort Maisons-Laffitte, am Rande von Paris, wurde im 20. Jahrhundert zu einem wichtigen Ort der polnischen Geschichte. Eine Handvoll Männer und eine Frau lebten und arbeiteten hier. Der Zweite Weltkrieg und die Entstehung des Ostblocks hatten sie heimatlos gemacht. In dieser Villa gründeten sie eine „Wohngemeinschaft“, wie es einer von ihnen nannte, die von 1947 bis 2000, bis zum Tod ihrer Führungsfigur Jerzy Giedroyc, Bestand haben sollte. Ihre größte Leistung war es, über diesen Zeitraum – neben Belletristik – die Monatsschrift „Kultura“ herauszugeben, in dieser Zeit das weltweit wichtigste Organ des polnischen Exils.

          Gerhard Gnauck

          Politischer Korrespondent für Polen, die Ukraine, Estland, Lettland und Litauen mit Sitz in Warschau.

          Der Historiker Bernard Wiaderny, aus Polen stammend, aber längst im deutschen Wissenschaftsbetrieb verwurzelt, hat eine Art Biographie der „Kultura“ geschrieben. Vorsichtig schickt er voraus, die reale Wirkung dieser intellektuellen und politisch ambitionierten Zeitschrift, die aus dem Exil immer auch nach Polen hineinwirken wollte, sei – gerade für die Zeit vor 1989 – schwer zu ermitteln. Daher konzentriert er sich auf die politisch-ideologischen Debatten, wie sie im Blatt, aber auch hinter den Kulissen in der Villa ausgetragen wurden, sowie auf Strategien, Wirkungsabsichten und die Netzwerkarbeit dieser elitären Truppe.

          Plötzlich entfaltet sich vor dem Leser ein Panorama der – spätestens seit Winston Churchills Rede über den „Eisernen Vorhang“ 1946 – in zwei feindliche Lager gespaltenen Welt, mit dem geteilten Europa und Berlin als Brennpunkt. Und die Truppe in Paris will mitmischen. Der inner circle der Redaktion, das sind ein hoher Beamter der Vorkriegszeit, Jerzy Giedroyc, über den ganzen Zeitraum der Chefredakteur; Juliusz Mieroszewski, Sohn eines k. u. k. Offiziers und der wichtigste Publizist des Blattes; der Künstler Jozef Czapski und das polnisch-jüdische Ehepaar Hertz. Ein führender externer Autor war der in West-Berlin lebende Historiker Bohdan Osadczuk-Korab. Befreundet hatten sich die Schöpfer der „Kultura“ zumeist während des Krieges, als sie als Soldaten polnischer Einheiten im Mittelmeerraum eingesetzt waren. Politisch standen sie deutlich „links und sozialdemokratisch“, wie der Autor hervorhebt.

          Die Welt war zwar geteilt, aber vor allem der westliche „Block“ war alles andere als ein Monolith. Die „Kultura“ musste sich positionieren und Verbündete finden. Schon in ihren ersten Jahren distanzierte sie sich von der Masse der bürgerlichen bis nationalistischen polnischen Emigranten. Auf die gesellschaftliche und wirtschaftliche Umwälzung im kommunistischen Polen blickte sie wohlwollend, stellte sich jedoch klar gegen die Hegemonie der Sowjetunion. Bald wurde ihr jedoch klar, dass es keinen „dritten Weg“ zwischen Ost und West geben würde. So engagierte sich die Truppe im von Washington 1950 gegründeten „Kongress für kulturelle Freiheit“ (CCF) in Berlin – mit hochgesteckten Plänen: Sie forderte eine „internationale Brigade“ und ein „Kolleg des freien Europas“ für osteuropäische Flüchtlinge. Letzteres hat dann tatsächlich für einige Jahre bei Straßburg existiert.

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