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Orbáns Lieblingsfeind : Wer ist George Soros?

George Soros im Juni 2019 in Wien. Bild: AP

Der Philanthrop, der seine eigenen Privilegien in Frage stellt. Porträt eines Engagierten.

          3 Min.

          George Soros ist mittlerweile 90 Jahre alt. Erst in den vergangenen Jahren aber erhielt der ungarisch-amerikanische Investor und Philanthrop eine Aufmerksamkeit wie nie zuvor. Soros versuche auf der ganzen Welt Nationen zu spalten, sagte etwa der türkische Präsident Erdogan. Während dieser den „ungarischen Juden Soros“ offen antisemitisch diffamierte, sprach Ungarns Ministerpräsident Orbán in seinen Kampagnen vom „Globalisten“ Soros. Das ist für Buchautorin Emily Tamkin gleichwohl ein Codewort für „Jude“. Sie sagt, das Feindbild Soros sei alt. Aber erst seit der Flüchtlingskrise 2015 schlössen sich dem höchste politische Amtsträger an, wie etwa der scheidende amerikanische Präsident Donald Trump.

          Tamkin will mit „The Influence of Soros“ drei Aufgaben erfüllen. Erstens möchte sie den Einfluss des Milliardärs in der Finanzwelt, in der Philanthropie und in der Politik erfassen. Zweitens beabsichtigt sie, das tatsächliche Wirken von Soros von den Verschwörungserzählungen um seine Person zu trennen. Drittens fragt die amerikanische Journalistin, inwieweit das Ideal einer gerechteren Gesellschaft im Widerspruch zu dem Multimilliardär steht, der seine Finanzkraft nutzt, um dieses Ziel zu erreichen.

          „Dieses Buch ist keine Biographie von George Soros“, kündigt die Autorin in der Einleitung an. Dennoch erklärt sie die Überzeugungen des weltbekannten Investors und Philanthropen mit den Prägungen seiner Kindheit. Von seinem Vater Tivadar Soros habe er sowohl das Interesse am Wohlergehen anderer als auch den Überlebenssinn als verfolgter Jude in Budapest geerbt. Schon in den frühen fünfziger Jahren verschrieb sich Soros als Student der London School of Economics der Philosophie Karl Poppers. Demnach gibt es allgemeinen Erkenntnisgewinn nur, wenn in einer „offenen Gesellschaft“ so viele Sprecher wie nur möglich an einer gesamtgesellschaftlichen Debatte teilhaben können.

          Bevor Soros 1979 den „Open Society Fund“ gründete, versuchte er im New Yorker Finanzsektor Fuß zu fassen. Tamkin beschreibt ihn als Mann, der mit Vorgesetzten haderte und in die Philosophie zurückkehren wollte. Zugleich habe er wie kein Zweiter falsche makroökonomische Annahmen erkannt und geleitet von Poppers Philosophie nie geglaubt, dass der Markt und seine Teilnehmer alles wüssten. Mit seinem 1969 gegründeten „Quantum Fund“ wettete Soros 1992 dann mit Milliardenbeträgen gegen das britische Pfund. Seitdem galt Soros als „Spekulant“. Die Autorin glaubt an seine guten Intentionen, im überbewerteten Pfund eine unerträgliche Last für Kreditnehmer zu sehen. Doch sie weist zu Recht darauf hin, dass Soros im Widerspruch zu seiner politischen Philosophie stand, wenn er als Einzelner die wirtschaftliche Entwicklung ganzer Staaten bestimmte.

          Von Allmacht war George Soros in den gesellschaftlichen Engagements jedoch weit entfernt. Er erkannte früh, dass Antragssteller für den „Open Society Fund“, aus dem 1993 die „Open Society Foundations“ entstanden, genau überprüft werden müssen. Doch gleichwohl war es Soros, der den jungen Viktor Orbán als Stipendiaten und demokratischen Hoffnungsträger förderte. Ähnliches widerfuhr ihm mit dem früheren georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili. Soros setzte große Hoffnungen auf den Politiker, der zunächst Korruption bekämpfte, dann aber Posten mit eigenen Leuten besetzte und politische Gegner überwachen ließ. Die Autorin hätte noch stärker herausstellen können: Soros war nicht in der Lage, die Entwicklung ganzer Staaten in die von ihm präferierte Richtung zu lenken. Es wäre ein entscheidendes Argument gegen die Verschwörungsideologen.

          Sehr anschaulich stellt Tamkin hingegen die Grundidee der Soros-Philanthropie dar. Es geht eben nicht um humanitäre Hilfe. Der Milliardär ist der Überzeugung, dass das eine Aufgabe staatlicher und zivilgesellschaftlicher Strukturen ist. Soros will stattdessen junge Menschen für diese Funktionen befähigen. Nur in Bosnien-Hercegovina machte er in den frühen neunziger Jahren eine Ausnahme und half angesichts einer versagenden internationalen Staatengemeinschaft beim Zugang zu Trinkwasser. Der Balkan steht exemplarisch dafür, dass Soros mit der Vorstellung scheiterte, die Pionierarbeit werde ohne sein weiteres Zutun fortgesetzt. Doch die Zeitzeugen sagten der Autorin auch, dass ohne den Milliardär sich niemand wirksam für unpopuläre Anliegen wie etwa Chancengleichheit für Roma eingesetzt hätte.

          George Soros ist vor allem deswegen ein außergewöhnlicher Philanthrop, weil er im Unterschied zu anderen sozial engagierten Milliardären bereit ist, seine eigenen Privilegien in Frage zu stellen. Er fordert etwa seit langem höhere Steuern. Die Autorin Emily Tamkin vertritt augenfällig ähnliche sozialliberale Überzeugungen. Dennoch ist es der amerikanischen Journalistin gelungen, ein sehr differenziertes Bild des Wirkens des Milliardärs zu zeichnen. Eine späte Genugtuung für Soros dürfte sein, dass Donald Trump nun als amerikanischer Präsident abgewählt wurde. Er hat Medienberichten zufolge aber deutlich weniger in den Wahlkampf der Demokraten investiert als andere Superreiche wie Michael Bloomberg. Denn wie die Autorin auch erklärt, kam der massive Einsatz von Soros gegen die Wiederwahl von George W. Bush im Jahre 2004 in den Vereinigten Staaten nicht gut an. Der Milliardär verspielte die gute Reputation bei Republikanern, die vor allem seinem Engagement in Mittel- und Osteuropa lange positiv gegenübergestanden hatten.

          Emily Tamkin: The Influence of Soros. Politics, Power, and the Struggle for an Open Society.

          Harper Collins Verlag, New York 2020. 320 S., 28,99 $.

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