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Vielfalt und Toleranz : Zwischen allen Stühlen

Ein Salafist bei einer Kundgebung in Köln 2012 Bild: dapd

Ein Kämpfer für einen „anderen Islam“ berichtet über seine Bemühungen - und Enttäuschungen.

          5 Min.

          Wenn man als gläubiger Muslim in Deutschland den Islam kritisiert, kann man sich nur Feinde machen. Das hat Hassan Geuad schmerzhaft erlebt. „Möge Allah dich in die tiefste Hölle schicken!“ heißt sein Buch. Es ist nur eine von vielen Drohungen, die ihm für seine Arbeit im Lauf der Jahre an den Kopf geworfen wurden. Und das ist wiederum kein Wunder, wenn man sich so furchtlos wie Geuad mit Salafisten und Dschihadisten anlegt.

          Livia Gerster
          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Einige kennen vielleicht die Kunstaktionen des jungen Irakers und seiner Gruppe „12thMemoRise“: Mal haben sie eine IS-Hinrichtung mitten in der Innenstadt von Essen inszeniert, mal einen Sklavenmarkt aus Syrien nachgestellt. Mal haben sie die „Lies!“-Kampagne deutscher Salafisten imitiert – und dabei statt dem Koran eine Petition verteilt. Hauptsache, die Leute schauen hin, so die Devise. Nicht immer dringt dabei zu allen durch, was sie mit den krassen Bildern erreichen wollen – mit seinem Buch liefert Geuad die Einordnung nach. Es ist ein Plädoyer für einen modernen, toleranten Islam, eingebettet in seine Lebensgeschichte.

          Geuad erzählt von der Flucht mit seiner Familie aus dem Irak und vom Satz, den ihm die Eltern vor dem ersten Schultag in Deutschland einbläuen: „Vergesst eines nicht, wir sind Gäste in diesem Land, also seid freundlich und benehmt euch respektvoll.“ Geuad erzählt von seinem roten Kopf, als ihm eine Grundschulfreundin erklärt, was Sex ist, von hilfsbereiten Lehrern und dem Tag, an dem sich alles ändert. Nach dem 11. September 2001 wird seine Mutter mit ihrem Kopftuch plötzlich schief angeschaut, wird seine Herkunft nicht mehr mit Neugier aufgenommen, sondern mit Stirnrunzeln. Es ist so etwas wie der Schlüsselmoment in Geuads politischem Erwachen. Damals ist er zwar noch zu jung, um wirklich zu verstehen, was passiert. Doch er spürt, dass der Anschlag Auswirkungen auf ihn und alle Muslime in Deutschland hat.

          Als 13 Jahre später die Schlächter vom „Islamischen Staat“ auf den Plan treten, ist Geuad Mitte zwanzig. Im Internet sieht er, wie sie Abtrünnige foltern, Journalisten enthaupten und Christinnen versklaven. Seitdem quält ihn die Frage: Was hat das alles mit seiner Religion zu tun? Einerseits nichts, jedenfalls nicht mit der Religion, wie sie Geuad kennt. Andererseits viel, denn schließlich berufen sich die Mörder ja auf den Islam. „Wir schämten uns für etwas, womit wir uns nicht identifizieren konnten, aber dieses Etwas sprach in unserem Namen, im Namen unserer Religion und konnte es mit Überlieferungen und Interpretationen von Koranversen belegen.“

          Geuad hofft, dass die Geistlichen und Gemeindevertreter ihm Antworten auf seine Fragen liefern könnten, dass es zumindest eine Diskussion darüber gäbe – doch Fehlanzeige. „Die schweigende Mehrheit der Muslime beruhigt sich mit dem berühmten Satz: ,Der Terror hat nichts mit dem Islam zu tun.‘“ Geuad lehnt die Formel ab, weil sie „wie eine Ausrede klingt“. Stattdessen trommelt er Freunde zusammen. Der Plan: ihre muslimischen Glaubensgenossen wachrütteln, gegen den Terror demonstrieren, aber so, dass die Leute auch stehen bleiben. „Wir wollten keine lahme Demo auf die Beine stellen, sondern eine provozierende Aktion.“

          Das ist ihnen gelungen, wie man in Geuads Buch lesen und auf Youtube sehen kann: Als zwei schwarz verkleidete Terroristen in orange Overalls gehüllte Häftlinge mit Plastikwaffen vor sich hertreiben, bildet sich sofort eine Traube von Zuschauern. Spätestens als die Opfer nach ein paar täuschend echt klingenden Schüssen in sich zusammensacken, alarmieren die Ersten die Polizei. Einige wenden sich entsetzt ab, andere halten ihre Handykameras nun erst recht hin. Hinterher entspinnt sich auf der Straße eine lebhafte Debatte – genau das, was die jungen Muslime erreichen wollten. Nach dem kräftigen Applaus fühlen sie sich ihrem Ziel ein ganzes Stück näher: „Es war ein Gefühl, als hätten wir gerade Syrien und den Irak vom IS befreit und ein klares und eindeutiges Statement abgegeben: ,Seht her, Leute, wir sind Muslime und haben die Schnauze voll vom islamistischen Terror!“ Ein typischer Satz für Geuad, selbstironisch und offenherzig, aus einem fast kindlichen Vertrauen gespeist, dass, wer Gutes will, auch Gutes erfährt.

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