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Bunte Gesellschaft : Vielfalt gestalten

Weitsprung-Weltmeisterin Malaika Mihambo Bild: dpa

Der Begriff kommt vielen leicht über die Lippen. Aber die Praxis ist viel komplizierter.

          4 Min.

          Jeder vierte Bürger dieses Landes hat einen Migrationshintergrund. Bei den schulpflichtigen Kindern sind es sogar 40 Prozent. Die Frage lautet nicht mehr, ob Deutschland ein Einwanderungsland ist. Sie lautet, wie wir damit umgehen und die pluraler gewordene Gesellschaft gestalten – wie also die Anerkennung der neuen Mitbürger konkret ausgehandelt wird. Ein Durchbruch in dieser Debatte war 2001 der Bericht der von Rita Süßmuth geleiteten „Unabhängigen Kommission Zuwanderung“. Er erkannte die Realität der Migration erstmals an, auf seiner Grundlage wurde 2004 das „Zuwanderungsgesetz“ verabschiedet.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          An der Aussage, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, reibt sich der Satz von Bundesinnenminister Horst Seehofer, der die Migration als „die Mutter aller Probleme“ bezeichnet hat. Wo Seehofer eine Gefahr sieht, erkennt die Migrationsforscherin Naika Foroutan von der Berliner Humboldt-Universität eine Chance. Für sie ist Migration eine „Chiffre für Pluralität“. Gerade das mache die Migration aber zu einem Kampffeld. Denn wer Migration ablehne, lehne stellvertretend auch andere Lebensentwürfe ab.

          Foroutan bezeichnet Migration als „Spiegel“, in dem eine Gesellschaft sieht, ob sie ihrem Anspruch gerecht wird, weltoffen und aufgeklärt zu sein. Bei Foroutan wird sie das nicht. Ihre Kernthese lautet, dass die plurale Demokratie, wie sie im Grundgesetz verankert ist, Gleichheit und gleiche Chancen für alle verspricht, dass sie in Wirklichkeit aber mit wachsender Ungleichheit konfrontiert ist.

          Eine zentraler Satz lautet: „Die Migrationsfrage ist somit zur neuen sozialen Frage des 21. Jahrhunderts geworden – an ihr entscheiden sich Fragen der Verteilungsgerechtigkeit, der Teilhabe und der kulturellen Selbstbeschreibung.“ Foroutan fürchtet, dass Europa nicht bloß an der Migration scheitert, sondern am Umgang mit der umfassenderen Gleichheitsfrage. Die ist deswegen wichtig, weil Gleichheit das zentrale Versprechen in modernen Demokratien ist, die sich auf Pluralität und Parität berufen. Da macht Foroutan erhebliche Defizite aus. Zentralen Versprechen wie Anerkennung, Chancengleichheit und Teilhabe stünden Anerkennungsdefizite und die Realität sozialer Ungleichheit gegenüber. Integration werde erwartet, Aufstiege würden aber verwehrt.

          So beklagt Foroutan eine „verwehrte Bildungsgleichheit“ und zitiert dazu die Pisa-Studien der OECD. Die bescheinigen Deutschland einen engen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolgen, wie er für kein anderes OECD-Land belegt ist. Dabei zeigen Studien, dass gerade unter Migranten eine hohe Bildungsaspiration verbreitet sei und dass die Aufstiegswahrscheinlichkeit türkeistämmiger Kinder größer sei als die „herkunftsdeutscher“ Kinder mit gleichem sozioökonomischen Status. Die Ungleichheit setzt sich auf dem Arbeitsmarkt und im öffentlichen Leben fort. Foroutan beschreibt zudem die stereotyp negativen Einstellungen, die mit der Vokabel „muslimisch“ assoziiert sind, und schreibt, Muslime würden „aus dem ,deutschen Wir‘ herausdefiniert“, da „muslimisch und deutsch“ als Gegensätze wahrgenommen würden.

          Wie mit dem Widerspruch zwischen politischen Versprechen und der empirischen Wirklichkeit umgehen, mit der Differenz zwischen nachweisbaren Anerkennungsdefiziten bei einer gleichzeitigen Aufrechterhaltung hoher demokratischer Normen? Ausgehalten werde dieser Widerspruch dank der „normativen Paradoxie“, schreibt die Wissenschaftlerin: Wird einer Gruppe erst einmal ein Platz außerhalb des Kollektivs zugewiesen – etwa aufgrund stereotyper Charakterisierungen wie: Muslime sind aggressiv, bildungsfern und demokratiefeindlich –, kann die Norm für sie ja gesenkt werden.

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