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Vertragsarbeiter : Ein Lehrstück in angeblicher „Solidarität“

  • -Aktualisiert am

Mit DDR-Fahnen demonstrieren Ex-Gastarbeiter aus Moçambique im Oktober 2010 in Maputo. Bild: dpa

Schon in der DDR lebten sie am Rand der Gesellschaft. Und auch zu Hause in Moçambique fühlen sie sich heute schlecht behandelt.

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          Auch dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung demonstrieren einige ihrer Opfer jeden Mittwoch! Sie tun es jedoch nicht in Berlin oder Dresden, sondern mehr als 10 000 Kilometer entfernt in der moçambiquanischen Hauptstadt Maputo. Die „Madgermanes“, wie sie genannt werden, wollen Anerkennung ihres Leids und des an ihnen verübten Betrugs: Sie wollen Transparenz, und sie wollen Kompensation beziehungsweise endlich das erhalten, was ihnen ihrer Meinung nach zusteht.

          Die Geschichte dieser „Madgermanes“, Männer und Frauen, die zwischen 1979 und 1989 als Vertragsarbeiterinnen und -arbeiter in die DDR geschickt wurden, gehört mit zu den bizarrsten Kapiteln der Geschichte des ostdeutschen Staates. Es offenbart aber auch die ganze Empathielosigkeit der deutschen Wiedervereinigung, die menschliche Lebensentwürfe zur Makulatur machte und sich darum nicht scherte. Eine Empathielosigkeit, die bei einigen deutschen Regierungsvertretern offensichtlich bis heute anhält.

          Zugleich gehört die Frage nach den ausländischen Vertragsarbeiterinnen und -arbeitern in der DDR zu den Seiten der Wiedervereinigung, über die man auch zum dreißigsten Jahrestag im geeinten Deutschland kaum spricht. Ist schon die Geschichte von Gastarbeit und Migration in die Bundesrepublik ein Thema, das in vielen offiziellen Narrativen fehlt, obwohl Millionen von Nachkommen der ersten und zweiten Generation hier leben und die Ergänzung des Geschichtsbuches um diese Kapitel einfordern, so gilt das noch viel stärker für die Arbeitsmigration in die DDR. Dies umso mehr, als Deutschland sehr rabiat dafür sorgte, dass nicht zu viele von ihnen hier blieben.

          Mit dem Zusammenbruch und dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland hingen alle vertraglichen Regelungen ihres Aufenthalts in der Luft. Den Staat, der sie aufgenommen hatte, mit dem ihre Verbände oder Herkunftsregierungen, das betraf nicht nur Moçambique, vertragliche Regelungen eingegangen waren, gab es nicht mehr. Die Fabriken, in denen sie arbeiteten, bald auch nicht mehr. Eine starke Interessenvertretung besaßen sie ebenfalls nicht. Was als Kollateralschaden der Wiedervereinigung oftmals nicht mehr als eine Fußnote wert ist, wenn überhaupt, war für die betroffenen Menschen oftmals eine Katastrophe.

          Auch wenn die Zahl mit etwa 22 000 Menschen, die zeitweilig aus Moçambique in die DDR gekommen waren, sowohl im Vergleich zu den westdeutschen Gastarbeitern gering war und auch die gegen die eigenen Bürgerinnen und Bürger gerichteten Menschenrechtsverletzungen ganz andere Dimensionen erreichten, so erlaubt ihre Geschichte dennoch einen tiefen Blick in die menschenverachtende Wirtschafts- und Außenwirtschaftspolitik der DDR, aber auch in die Wahrheit sozialistisch-solidarischer Politik mit Staaten der sogenannten „Dritten Welt“.

          Nur vier Jahre nach Moçambiques Unabhängigkeit von Portugal unterzeichnete Erich Honecker bei einem Staatsbesuch in Maputo 1979 das „Vertragsarbeiterabkommen“. Was damals nicht bekannt war, sich aber bis heute als Hypothek entpuppt, war, dass der Bedarf an Arbeitskräften nur ein Motiv der DDR-Führung, ein anderes war, dass die Entsandten Schulden abarbeiten sollten.

          Der für die staatliche Devisengewinnung zuständige Bereich „Kommerzielle Koordinierung“ von Alexander Schalck-Golodkowski entwickelte ein System, in dem ein Teil des Arbeitslohnes der in der DDR schuftenden Moçambiquanerinnen und Moçambiquaner direkt mit den Schulden ihres Heimatlandes verrechnet wurden. Dazu behielt man kurzerhand, und mit Billigung der moçambiquanischen Regierung, bis zu 60 Prozent des Arbeitslohnes ein, als unmittelbaren Schuldendienst.

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