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Verpasste Chance : Der Ärger der Würstchenverkäuferin Else Koch

Ein Schiff verlegt die Rohre für Nord Stream 2 vor Rügen Bild: Reuters

Viel zu sagen gäbe es über Nord Stream. Diese Buch leistet dafür keinen Dienst.

          Am Ende seines Buches mit dem Titel „Gier, Gas und Geld. Wie Deutschland mit Nord Stream Europas Zukunft riskiert“ beschreibt der dänische Journalist Jens Høvsgaard, auf welche Schwierigkeiten er bei seinen Recherchen zu der Gaspipeline durch die Ostsee gestoßen sei. Die Akten, die er bei den zuständigen dänischen Ministerien zum Genehmigungsverfahren ihres ersten Strangs vor zehn Jahren einsehen wollte, habe er mit solchen Schwärzungen erhalten, „dass in vielen Fällen lediglich das Datum lesbar war“, schreibt er. „Doch die Geschichte der Gasleitung ist zu wichtig, um sie nicht zu erzählen.“

          Reinhard Veser

          Redakteur in der Politik.

          Damit hat Høvsgaard recht. Die Pipeline Nord Stream 2, die Ende diesen Jahres fertig werden soll, verändert die Sicherheitslage in Europa. Sie ist ein politisches Projekt der russischen Führung, das ihr neue Möglichkeiten zur Destabilisierung der Ukraine eröffnet und die EU politisch spaltet. Indem die Bundesregierung dieses Vorhaben aus wirtschaftlichen Gründen unterstützt, macht sie einen großen Teil ihrer eigenen Bemühungen um eine klar Linie der EU gegenüber Russland zunichte. Sie sendet so in zwei Richtungen fatale Signale: der Kreml wird ermutigt, seine aggressive Politik fortzusetzen, während bei den Nachbarn im Osten Zweifel an Berlins Zuverlässigkeit als Verbündeter geweckt werden.

          Aber leider hält Høvsgaards Buch nicht, was es in Titel und Klappentext verspricht. Und das liegt nicht an den Schwärzungen in den Akten, die der Autor in Kopenhagen bekommen hat, sondern an seiner Herangehensweise. Immer wieder verlässt er sein Thema ohne ersichtlichen Grund und plaudert über alles mögliche, das nichts mit der Pipeline zu tun hat oder nur sehr lose mit ihr in Verbindung steht. Der Giftanschlag auf den einstigen russischen Agenten Sergej Skripal und seine Tochter in Großbritannien zum Beispiel sagt zwar einiges über den Charakter des russischen Regimes aus, hat insofern also einen berechtigen Platz im Buch. Aber er hat nichts mit Energiepolitik und dem russischen Gasgeschäft zu tun. Warum Høvsgaard diese Affäre auf zehn Seiten ausführlich (und in vielen Details ungenau) nacherzählt, wird nicht deutlich.

          Und es wird noch bunter. Einige dieser Exkurse in der sprunghaften Reihenfolge, in der sie im Buch auftauchen: Wladimir Putins Erinnerungen an den Herbst 1989 in Dresden, eine kurze Geschichte der Besoldung deutscher Altkanzler, die Geschäfte des schwedischen Rohstoffkonzerns Lundin im Afrika der neunziger Jahre, die Details der Machtübergabe von Boris Jelzin an Wladimir Putin am 31. Dezember 1999, das Schicksal der dänischen Königstochter Dagmar, die nach ihrer Hochzeit als Maria Fjodorowna russische Zarin war, die Überführung ihrer Gebeine nach Russland im Jahr 2006 samt Kostenaufstellung (unter anderem 3651 Euro für zwei Särge sowie 7400 Euro für Regenschirme und Bestuhlung bei der Beisetzungszeremonie in Sankt Petersburg). Außerdem erfährt der Leser, dass die Kantine des dänischen Energiekonzerns DONG 2006 „zu Recht“ zur Kantine des Jahres erklärt worden sei: „Hier kann man für 2,50 Euro am Tag so viel Obst und Getränke bekommen, wie man will.“ An dieser Stelle ist man gerade erst in der Mitte des Buches angekommen – und ahnt noch nichts von dem Ärger der Würstchenverkäuferin Else Koch über die Verdienstausfälle, die ihr der Staatsbesuch des russischen Präsidenten Dmitrij Medwedjew in Dänemark beschert hat.

          Diese Art von Detailreichtum steht in einem bemerkenswerten Gegensatz zu der Unbestimmtheit und Oberflächlichkeit, die den Autor bei seinem eigentlichen Thema oft befällt. Die beiden großen ukrainisch-russischen Gaskonflikte 2006 und 2009 etwa werden nur knapp gestreift – dabei sind sie für die Geschichte von Nord Stream von großer Bedeutung. Die Unterbrechung der Gaslieferungen mitten im Winter hat in der EU das Bewusstsein dafür geweckt, wie der Kreml Rohstoffe als politische Waffe einsetzt. Damit hat ein Umdenken eingesetzt, das bewirkt hat, dass die Europäer heute weitaus weniger von russischem Gas abhängig sind als vor zehn Jahren. Wurden die Planungen für den ersten Strang von Nord Stream Anfang der zweitausender Jahre noch von der EU unterstützt, so hat die Europäische Kommission bei Nord Stream 2 von Anfang an versucht, dem Projekt politisch entgegenzuwirken. Das allerdings ist Høvsgaard offensichtlich komplett entgangen. Unter Berufung auf durchgestochene „vertrauliche Dokumente“ der EU-Kommission (tatsächlich handelt es sich nur um einen undatierten Entwurf für ein internes Papier) behauptet er, die EU sei sich der zweifelhaften Methoden von Gasprom bewusst, unternehme aber nichts dagegen. Besser wäre es gewesen, Høvsgaard hätte sich ein wenig in den Stellungnahmen und Dokumenten umgesehen, die auf der Website der EU öffentlich zugänglich sind und über die zudem viele europäische Zeitungen ausführlich geschrieben haben.

          Høvsgaard will mit seinem Buch zeigen, wie Russland seiner Pipeline mit Geheimdienstmethoden und Korruption in Europa den Weg bereitet hat. Am nächsten kommt er diesem Anspruch dort, wo er nachzeichnet, wie Gasprom vor dem Bau des ersten Strangs von Nord Stream die in Schweden und Finnland weitverbreitete Skepsis mit politischer Landschaftspflege zu überwinden versucht hat. Gerhard Schröders Beziehungen zu sozialdemokratischen Spitzenpolitikern in beiden Ländern spielen dabei eine zentrale Rolle. Aber Høvsgaard kommt in vielen Fällen nicht über die pure Insinuation hinaus. Besonders deutlich wird das in den Kapiteln über sein Heimatland Dänemark, das bei Nord Stream 1 vor zehn Jahren als erstes EU-Mitglied die nötigen Genehmigungen erteilt hatte. Aus der weitschweifigen, wegen einer sprunghaften Chronologie überaus undurchsichtigen Darstellung geht nicht hervor, was jenseits normalen wirtschafts- und außenpolitischen Kalküls die dänische Regierung zu ihrer Haltung gebracht haben könnte. Dass sie die russische Politik vollkommen falsch eingeschätzt hat, steht auf einem anderen Blatt. Sie war damit trotz des Warnschusses durch den russisch-georgischen Krieg 2008 (der im Buch keine Erwähnung findet) in Europa nicht allein. Dabei ist gerade die Entwicklung in Dänemark besonders interessant: Bei Nord Stream 2 ist die Genehmigung aus Kopenhagen die letzte, die noch fehlt. Man würde gerne erfahren, wie es zu diesem Umschwung gekommen ist.

          Jens Høvsgaard: Gier, Gas und Geld. Wie Deutschland mit Nordstream Europas Zukunft riskiert.

          Europa Verlag, Berlin 2019. 256 S., 19,– .

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