https://www.faz.net/-gpf-9kh21

Verpasste Chance : Der Ärger der Würstchenverkäuferin Else Koch

Diese Art von Detailreichtum steht in einem bemerkenswerten Gegensatz zu der Unbestimmtheit und Oberflächlichkeit, die den Autor bei seinem eigentlichen Thema oft befällt. Die beiden großen ukrainisch-russischen Gaskonflikte 2006 und 2009 etwa werden nur knapp gestreift – dabei sind sie für die Geschichte von Nord Stream von großer Bedeutung. Die Unterbrechung der Gaslieferungen mitten im Winter hat in der EU das Bewusstsein dafür geweckt, wie der Kreml Rohstoffe als politische Waffe einsetzt. Damit hat ein Umdenken eingesetzt, das bewirkt hat, dass die Europäer heute weitaus weniger von russischem Gas abhängig sind als vor zehn Jahren. Wurden die Planungen für den ersten Strang von Nord Stream Anfang der zweitausender Jahre noch von der EU unterstützt, so hat die Europäische Kommission bei Nord Stream 2 von Anfang an versucht, dem Projekt politisch entgegenzuwirken. Das allerdings ist Høvsgaard offensichtlich komplett entgangen. Unter Berufung auf durchgestochene „vertrauliche Dokumente“ der EU-Kommission (tatsächlich handelt es sich nur um einen undatierten Entwurf für ein internes Papier) behauptet er, die EU sei sich der zweifelhaften Methoden von Gasprom bewusst, unternehme aber nichts dagegen. Besser wäre es gewesen, Høvsgaard hätte sich ein wenig in den Stellungnahmen und Dokumenten umgesehen, die auf der Website der EU öffentlich zugänglich sind und über die zudem viele europäische Zeitungen ausführlich geschrieben haben.

Høvsgaard will mit seinem Buch zeigen, wie Russland seiner Pipeline mit Geheimdienstmethoden und Korruption in Europa den Weg bereitet hat. Am nächsten kommt er diesem Anspruch dort, wo er nachzeichnet, wie Gasprom vor dem Bau des ersten Strangs von Nord Stream die in Schweden und Finnland weitverbreitete Skepsis mit politischer Landschaftspflege zu überwinden versucht hat. Gerhard Schröders Beziehungen zu sozialdemokratischen Spitzenpolitikern in beiden Ländern spielen dabei eine zentrale Rolle. Aber Høvsgaard kommt in vielen Fällen nicht über die pure Insinuation hinaus. Besonders deutlich wird das in den Kapiteln über sein Heimatland Dänemark, das bei Nord Stream 1 vor zehn Jahren als erstes EU-Mitglied die nötigen Genehmigungen erteilt hatte. Aus der weitschweifigen, wegen einer sprunghaften Chronologie überaus undurchsichtigen Darstellung geht nicht hervor, was jenseits normalen wirtschafts- und außenpolitischen Kalküls die dänische Regierung zu ihrer Haltung gebracht haben könnte. Dass sie die russische Politik vollkommen falsch eingeschätzt hat, steht auf einem anderen Blatt. Sie war damit trotz des Warnschusses durch den russisch-georgischen Krieg 2008 (der im Buch keine Erwähnung findet) in Europa nicht allein. Dabei ist gerade die Entwicklung in Dänemark besonders interessant: Bei Nord Stream 2 ist die Genehmigung aus Kopenhagen die letzte, die noch fehlt. Man würde gerne erfahren, wie es zu diesem Umschwung gekommen ist.

Jens Høvsgaard: Gier, Gas und Geld. Wie Deutschland mit Nordstream Europas Zukunft riskiert.

Europa Verlag, Berlin 2019. 256 S., 19,– .

Weitere Themen

Trump: „Wofür haben Sie den Preis bekommen?“ Video-Seite öffnen

Friedensnobelpreisträgerin : Trump: „Wofür haben Sie den Preis bekommen?“

Auf diesen Termin im Weißen Haus hat sich der amerikanische Präsidenten Donald Trump offenbar nicht besonders gut vorbereitet. Als die Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad dem Präsidenten berichtet, dass ihre Mutter und ihre sechs Brüder umgebracht wurden, fragt Trump erstaunt: Wo sind sie jetzt?

Topmeldungen

Transfer-Offensive : Borussia Dortmund hat ein großes Problem

Der BVB beeindruckt mit seinen starken Neuzugängen. Doch die Offensive auf dem Transfermarkt hat auch ihre Schattenseiten. Der Kader ist nun viel zu üppig besetzt. Auf der Streichliste stehen prominente Namen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.