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Verhörmethoden der Stasi : Mielkes Schergen

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Blick in das ehemalige Arbeitszimmer des Stasi-Chefs Erich Mielke in Haus 1 in der Stasi-Zentrale der DDR in der Normannenstraße in Berlin (Archivbild vom 19.01.1999) Bild: dpa

Elisabeth Martin benennt die MfS-üblichen Mittel und Torturen: Isolation, Schlafentzug, Desorientierung, Erpressung sowie die gezielte physische und psychische Zermürbung der Untersuchungshäftlinge.

          Zu Zeiten der SED-Diktatur existierte im Stadtteil Berlin-Hohenschönhausen ein Sperrgebiet, dessen Straßen und Gebäudekomplexe auf keinem Stadtplan östlicher Provenienz zu finden waren. Hier hatte das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) von 1951 bis 1989 sein zentrales Untersuchungsgefängnis etabliert, die „deutsche Lubjanka“, wie Hubertus Knabe, Direktor der heute dort befindlichen Gedenkstätte für Stasi-Opfer, das fatale Verlies einmal genannt hat. Für das MfS war es die Untersuchungshaftanstalt (UHA) I. Ihre Geschichte und ihr Personal, ihre Struktur und ihre Funktion sind Gegenstand des Buches von Elisabeth Martin. Im Fokus steht die Frage, wie Menschen dazu gebracht werden konnten, hier jahrzehntelang willig und ohne Skrupel als Vernehmer, Wärter oder Wachposten Schergendienste zu leisten.

          Die Historie der UHA I reicht zurück bis in die Nachkriegszeit, als die sowjetischen Geheimpolizei- und Sicherheitsorgane MWD/MGB hier ihr zentrales Untersuchungsgefängnis für die SBZ/DDR errichtet hatten, ein primitives Kellergefängnis nahe dem seinerzeitigen Speziallager Nr. 3 für Internierte. Nach seiner Übernahme durch die Stasi durchliefen das Gefängnis mindestens 10 000 Untersuchungshäftlinge. In den Jahren 1958/60 wurde das marode Gemäuer durch einen von Strafgefangenen errichteten Neubau ersetzt. Aus Zweckmäßigkeit ließ das MfS hier auch die Dienstgebäude mit den Büros der Hauptabteilung IX sowie der selbständigen Abteilung XIV hochziehen. Die HA IX mit zuletzt 484 Planstellen war das für strafrechtliche Ermittlungen vorwiegend bei „Staatsverbrechen“ zuständige „Untersuchungsorgan“ des MfS, das intern zum „Anleitungsbereich“ des Ministers Erich Mielke gehörte. Die hier tätigen Vernehmungsoffiziere und Verhörspezialisten hatten die Häftlinge „reif“ zu machen für den gerichtlichen Strafprozess. Generalmajor Rolf Fister, ihr langjähriger Chef, 2007 verstorben, war hauptverantwortlich für die schikanösen, demütigenden und folterähnlichen Vernehmungspraktiken, die gang und gäbe waren.

          In die Zuständigkeit der Abteilung XIV mit 255 Planstellen fielen Verwaltung, Überwachung und Sicherung nicht nur der UHA I, sondern aller übrigen fünfzehn U-Haftanstalten des MfS in der DDR. Leiter war Oberst Siegfried Rataizik. Ob er sich über Psychofolter und Drangsalierung der Häftlinge in Stasi-Gefängnissen im Klaren war? Natürlich leugnet er sie bis heute und will glauben machen, den Untersuchungshaftvollzug „nach Recht und Gesetz durchgeführt“ zu haben. Von Reue keine Spur. Ergänzend dazu untersucht Martin eingehend das „soziologische Profil“ und die Prägung der Mitarbeiter der „Linie IX“. Wie wurden sie rekrutiert? Wie sah ihre soziale Herkunft aus? Welchen Einfluss übte ihre Familie aus? Wie entwickelten sich Bildungsstand und politische Einstellung? Akribisch erarbeitet die Autorin ein Kollektivpsychogramm der „Untersuchungsführer“, denen das Errmittlungsverfahren überantwortet war. Die Praxis der Geständniserpressung wird gut recherchiert bloßgelegt. Ebenso durchleuchtet wird das Gefängnispersonal, die Wachposten, die Schließer, die „Läufer“, die die Häftlinge aus den Zellen zur Vernehmung zu bringen hatten. Sie waren sorgfältig selektiert, diszipliniert und streng reglementiert. Sie sahen in den Häftlingen Feinde, kannten ihre Namen nicht und sprachen sie mit Nummern an.

          Die Ausführungen der Autorin zur Arbeitsweise und Methodik der Stasi gipfeln in dieser Feststellung: „Das Haft- und Vernehmungsregime war während der gesamten Existenz der zentralen Untersuchungshaftanstalt des MfS darauf gerichtet, die Gefangenen massiv unter Druck zu setzen, um möglichst viele Informationen zu erhalten und sie zu belastenden Aussagen zu bewegen.“ Und sie benennt die MfS-üblichen Mittel und Torturen: Isolation, Schlafentzug, Desorientierung, Erpressung sowie die gezielte physische und psychische Zermürbung der Häftlinge. „Infolge der Kriminalisierung und Anonymisierung der Häftlinge sowie der ständigen Vermittlung des Freund-Feind-Schemas gelang es den Mitarbeitern, gegen ,negative Einflüsse‘ des Häftlings wie Verzweiflung oder Trauer immun zu sein.“ Materielle Privilegien und ein durch Schulung vermitteltes elitäres Bewusstsein, als DDR-Tschekisten „Schild und Schwert der Partei“ zu sein, beeinflussten nachhaltig das Handlungsmotiv des Personals in Hohenschönhausen. Eine realistische Einschätzung.

          „Verhaltenssteuerung, Motive und mentale Prägung“ werden im fünften Kapitel thematisiert. Zu loben ist diese breit angelegte und ungewöhnlich quellengesättigte Arbeit. Ein gewichtiger Beitrag zur DDR-Repressionsgeschichte.

          Elisabeth Martin: „Ich habe mich nur an das geltende Recht gehalten“. Herkunft, Arbeitsweise und Mentalität der Wärter und Vernehmer der Stasi-Untersuchungshaftanstalt Berlin-Hohenschönhausen. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2014. 465 S., 84,- €.

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