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Verhängnisvoll verstrickt : Im Visier der Diktaturen

  • -Aktualisiert am

Der Judenstern Bild: AFP

Am 16. Januar 1946 wurde Richard Hesse in Halle zum sowjetischen NKWD bestellt, der Vorgängerorganisation des späteren KGB, und war anschließend spurlos verschwunden; es dauerte vier Jahre, bis seine Frau unterrichtet wurde.

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          Richard Hesse, Rechtsanwalt in Halle (Saale), aus alteingesessener jüdischer Familie, Teilnehmer am Ersten Weltkrieg, musste mit Hitlers Machtantritt seinen Beruf aufgeben und unterlag in den nächsten Jahren schrittweise all den schmählichen Demütigungen, Schikanen und Verfolgungen, denen Deutsche jüdischen Glaubens oder jüdischer Abstammung durch das NS-Regime ausgesetzt waren. Er war in jüdischen Selbsthilfeorganisationen tätig, wurde auch dort immer weiter behindert, musste in ein „Judenhaus“ ziehen und in allen jüdischen Belangen mit der Gestapo verhandeln. Iim Februar 1945 wurde er nach Theresienstadt deportiert, das zumeist Durchgangsstation auf dem Wege nach Auschwitz war.

          Zwar war Auschwitz inzwischen durch die Rote Armee befreit worden, die Deportationen nach Theresienstadt gingen aber weiter, jedoch musste der Zug mit Hesse und seiner Frau Elisabeth wegen der flächendeckenden alliierten Luftangriffe auf Dresden umgeleitet werden, ein anderes grausames Ereignis des erfindungsreichen 20. Jahrhunderts. Nach der Befreiung Theresienstadts, wieder durch die Rote Armee, mussten Hesses wegen Seuchengefahr noch einige Zeit in Theresienstadt bleiben und kehrten erst im Juni nach Halle zurück. Jetzt konnte Hesse seine Anwaltspraxis wieder eröffnen, aber nicht für lange. Am 16. Januar 1946 wurde er zum sowjetischen NKWD bestellt, der Vorgängerorganisation des späteren KGB, und war spurlos verschwunden, es dauerte vier Jahre, bis seine Frau unterrichtet wurde. Er war unter Phantasie-Beschuldigungen, die nie untersucht wurden, zuerst in das sowjetische Speziallager Torgau, dann in das Lager Buchenwald eingeliefert, 1950 der SED-Justiz übergeben worden, die ihn in der Justizfarce der Waldheimer Prozesse ohne die mindeste rechtsstaatliche Verhandlung zu achtzehn Jahren Zuchthaus verurteilte. 1954 wurde er nach Bautzen verlegt, im Sommer dann entlassen und arbeitete danach bis zu seinem Tode als Angestellter in Halle. Erst 2009 rehabilitierte ihn das Landgericht Chemnitz.

          Das vorzügliche, nüchtern dokumentierende Buch berichtet gleichzeitig über ein anderes Mitglied der jüdischen Gemeinde in Halle, Leo Hirsch, dessen Lebensweg sich ständig mit dem Richard Hesses kreuzte. Über ihn wird vor allem Negatives berichtet, von enger Zusammenarbeit mit der Gestapo bis zu persönlichen Bereicherungen, gleichwohl konnten er und seine Frau sich auch in der SBZ und DDR erfolgreich eingliedern; jedoch unterscheidet das Buch gewissenhaft zwischen Tatsachen und unbelegten Aussagen. Das soll hier auf sich beruhen bleiben. Besonders hervorgehoben sei jedoch das Leben von Hesses Ehefrau Elisabeth. Sie, die keine Jüdin war, teilte das Schicksal ihres Mannes, soweit man ihr das erlaubte. Sie ging mit ins Judenhaus, begleitete ihn nach Theresienstadt und setzte sich in den Jahren seiner Haft unablässig gegen Schikanen der DDR-Behörden für ihn ein; man unterschied nämlich zwischen kommunistischen und rassistischen NS-Opfern, diese waren zweitrangig. In ihren letzten Lebensjahren war sie schwer krank, verließ die Wohnung nicht, ihr Mann kümmerte sich um sie. 1984 starb sie im Alter von 85 Jahren - zwei Wochen später schied Richard Hesse, ebenfalls hoch in den Achtzigern, freiwillig aus dem Leben.

          Uta Franke/Heidi Bohley/Falco Werkentin: Verhängnisvoll verstrickt. Richard Hesse und Leo Hirsch - zwei jüdische Funktionäre in zwei Diktaturen. Hasenverlag, Halle 2014. 182 S., 15,- €.

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