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Verbotene Bilder : Bilder, die Geschichte schrieben

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Montagsdemonstration im Oktober 1989 in Leipzig Bild: dpa

Die Stasi war ihnen auf der Spur. Und doch gelang es zwei Filmemachern Demonstrationsbilder in den Westen zu schmuggeln.

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          Die Schlussfolgerung von Siegbert Schefke nach mehreren Anwerbungsversuchen des Ministeriums für Staatssicherheit in der DDR bleibt im Kopf: „Es war gar nicht so schwer, NEIN zu sagen.“ Als Student verweigerte er die Zusammenarbeit mit der Stasi und wurde zu einem der bekanntesten Aktivisten gegen das SED-Regime. Gemeinsam mit Adam Ramowski drehte Schefke heimlich die Videos von den Montagsdemonstrationen am 9. Oktober 1989, die den Protest der Massen gegen Staat und Unterdrückung bezeugen.

          Sie schmuggelten die Aufnahmen an der Stasi vorbei in den Westen, die ARD strahlte sie am kommenden Tag in den „tagesthemen“ aus: Verwackelt, teilweise unscharf und dunkel zeigen sie, wie rund 70 000 Menschen jeden Alters den Leipziger Innenstadtring entlanglaufen und gegen das Regime demonstrieren – ohne dass Sicherheitskräfte eingreifen. Manche Eltern tragen ihre Kinder auf den Schultern. Die Menge ruft „Wir sind das Volk“ und präsentiert Schilder mit Forderungen wie „Krenzenlose Freiheit“ oder „Für die Entideologisierung unserer Schulen, Heime und Kindergärten“.

          Die Bilder sind bekannt, Schefkes Leben auch. Die Autobiographie ist sprachlich klar und spannend formuliert. Sie führt vor Augen, wie wichtig Einzelpersönlichkeiten sind und wie auch kleine Entscheidungen Geschichte beeinflussen. Schefke schmuggelte Waren und Informationen von West nach Ost und umgekehrt und recherchierte zu Tabuthemen wie Skinheads in der DDR oder Giftmüll aus dem Westen. Seine Erzählungen und Anekdoten lassen erahnen, warum ein Kind, das zufällig in der DDR aufwächst, zum Systemgegner und Aktivisten wird und trotz Widrigkeiten, Verboten und Bedrohungen das Land nicht verlassen, sondern es verändern will. Abitur? Nicht mit Westverwandtschaft. Ein Architekturstudium? Nur mit „freiwilligem“ zusätzlichen Wehrdienst. Karriere? Im Tausch gegen Informationen.

          Schefke mischt persönliche Erinnerung mit Bildern und Auszügen aus seiner Stasi-Akte. Neun Ordner soll das Ministerium für Staatssicherheit unter dem Titel OV „Satan“ angelegt haben. Nur zwei konnte er nach dem Kalten Krieg einsehen. Sie zeigen, dass die Aktivisten vielfach einfach Glück hatten und auf einem schwierigen Grat zwischen Vertrauen und Verrat balancierten. Für viele Aktionen brauchten sie Hilfe. Vermeintliche Freunde entpuppten sich später als inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit, die herausfinden sollten, wie Schefke Videos, Informationen und Zeitungen zwischen West und Ost transportierte und Kontakt zu Journalisten im Westen hielt.

          Schefkte spannt einen Bogen von den Leipziger Montagsdemonstrationen 1989 bis zu den Montagsdemonstrationen der Pegida-Bewegung rund 15 Jahre später in Dresden, über die er ebenfalls als Journalist berichtete – und beschimpft, bedroht und angegriffen wurde. Ein Buch über den Wert der Meinungsfreiheit und das Risiko, eine eigene Meinung zu haben.

          Siegbert Schefke: Als die Angst die Seite wechselte. Die Macht der verbotenen Bilder.

          Transit Verlag, Berlin 2019. 160 S., 16,– .

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