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Uwe Krüger: Schadensfall Afghanistan : Nie im Frieden, außer im Krieg

  • -Aktualisiert am

Gefechtsmedaille ( in 2010 zum ersten Mal verliehen) Bild: Abb. a. d. bespr. Band

Wenn Ende 2014 die Nato die Sicherheitsverantwortung an die afghanischen Polizei-und Armeekräfte übergibt, ist - so Uwe Kröger - eine sich selbst tragende Sicherheit Afghanistans Illusion. Die nationale Aussöhnung bliebe eine Legende angesichts tief verfeindeter Volksgruppen.

          Afghanistan: Sargnagel der Sowjetunion, Geißel der Vereinigten Staaten, Frust der Nato, Mutter aller Drohnenschlachten und globaler Lauschangriffe, blühende Rauschgiftlandschaft, Gefechtsfeld finsterer Glaubenskrieger, Meisterschule der Korruption, Büchse der islamistischen Pandora, härteste Prüfung der Bundeswehr, Elend der von Fortuna verlassenen drei Verteidigungsminister Franz Josef Jung, Karl-Theodor zu Guttenberg und Thomas de Maizière. Das sind nur einige der Bilder, die nach der Lektüre des kenntnisreich, aber auch bunt und detailverliebt geschriebenen Buches „Schadensfall Afghanistan“ von Uwe Krüger bleiben.

          Tatsächlich lehrt die Geschichte, dass Afghanistan ein unauflösbares Dilemma für international handelnde Politiker darstellt. Wenn auf dieses Land als einem atavistischen und instabilen staatlichen Gebilde ausnahmsweise einmal keine Kräfte von außen einwirken, wird es zwischen korrupten Politikern, Warlords, Ethnien oder Clans zerrissen: ein Refugium für terroristische Islamisten. Nicht selten jedoch versuchen fremde Mächte, politisch und militärisch zu intervenieren. Dann beißen sie sich an den Afghanen als Meister der Intrige und des Guerrillakrieges regelmäßig die Zähne aus. Das erfuhren bereits Mongolen und Perser.

          Seit dem 19. Jahrhundert hatten es die Briten nach den blutigen Afghanistan-Kriegen vorgezogen, vor dem Khyber-Pass zu bleiben und politischen Einfluss nur von außen zu nehmen. Es galt, im damaligen „Great Game“ die Russen von Indien fernzuhalten. Selbst das Deutsche Reich wollte im Ersten Weltkrieg in Afghanistan mitspielen. Von dort aus sollte ein indischer Aufstand gegen das Empire entzündet werden. Die im Jahr 1915 entsandte legendäre Niedermayer-Hentig-Geheimexpedition scheiterte jedoch an der afghanischen Intrigen-Intelligenz. Obwohl das Schicksal der Sowjetunion nach dem Afghanistan-Abenteuer der 1980er Jahre vor Augen, intervenierten die Vereinigten Staaten nach dem 11. September 2001, um den dort vermuteten Usama Bin Ladin zur Rechenschaft zu ziehen und die Basen des Islamismus auszuschalten. Gleichzeitig sollte mit Hilfe der Nato ein demokratischer Rechtsstaat in Afghanistan aufgebaut werden.

          Uwe Krüger wirft die Frage auf, ob es überhaupt Beweise zur Beteiligung Bin Ladins an dem Angriff auf New York gibt. Ohne Beweise und mit einer aus seiner Sicht fehlenden UN-Ermächtigung insinuiert er, dass die nun 13 Jahre währende Intervention in Afghanistan eigentlich nicht legitimiert sei. Auch Pakistan gilt ja als Rückzugsort und Unterstützer der Taliban. Als Alternative zu dem militärischen Vorgehen meint der Autor, hätte man die Verbrechen des 11. September einfach nur mit Polizei und Justiz verfolgen können. Dies stellt eine ähnlich schlichte Bewertung dar wie die der damaligen EKD-Vorsitzenden Margot Käßmann, nichts sei gut in Afghanistan und dass man nur mehr „Phantasie für Frieden“ und Konfliktbewältigung als Lösung brauche. Dies führt Krüger allerdings selbst ad absurdum. Wenn Ende 2014 die Nato die Sicherheitsverantwortung an die afghanischen Polizei- und Armeekräfte übergibt, sei eine sich selbst tragende Sicherheit Afghanistans Illusion. Die nationale Aussöhnung bliebe eine Legende angesichts tief verfeindeter Volksgruppen, Fehden der Clans wie etwa dem des Präsidenten Karzai, egoistischer Stammesfürsten und brutaler Drogenbarone, verschlagener Politiker und illoyaler Militärs oder eben der Taliban.

          Der Autor zeichnet ein düsteres Bild des Scheiterns des „Westens“ und seines Demokratiemodells. Dabei hatten Vereinigte Staaten, Nato, EU oder UN eigentlich nie eine Chance, die Herausforderungen zu meistern. Versteht man Krüger richtig, muss man für die Zeit nach 2014 wieder Verhältnisse wie in den 1990er Jahren erwarten - mit Scharia, Burka, Willkürherrschaft und Blut. Neben dieser regionalen Apokalypse sieht Krüger auch globale Gefahren. Der Einsatz in Afghanistan und die Eskalation der Gewalt habe die Entwicklung neuer Waffen beschleunigt, wie etwa der Kampfdrohnen. Der Cyber-War ist in den 13 Jahren Wirklichkeit geworden. Das „www“ ist inzwischen ein ebenso wirksames Propagandamittel des Islamismus wie Instrument der NSA-Sammelleidenschaft.

          Und die Bundeswehr? Man muss Krüger nicht folgen. Trotz beklagter Einsatzbelastungen sind die Soldaten härter und noch professioneller geworden, aber auch skeptischer gegenüber Politikern und deren „Zurückhaltung“ beim Einsatzauftrag. Zur ökonomischen Entwicklung in Afghanistan meint Krüger, die reichen Rohstoffvorkommen eines der ärmsten Länder der Welt waren stets im Blickfeld der Vereinigten Staaten oder Chinas. Das sei auch ein Grund für die Intervention der Vereinigten Staaten gewesen. Aber Anarchie und fehlende Infrastruktur im Land verhindern die Nutzung der Bodenschätze und eine moderne Volkswirtschaft. Beim Lesen der umfassenden, teilweise leider sprunghaften Darstellung Krügers auch zur Bedrohung Deutschlands und der EU kommt einem das alte afghanische Bonmot in den Sinn: „Der Paschtune ist nie im Frieden, außer er ist im Krieg“.

          Uwe Krüger: Schadensfall Afghanistan. Ein Krieg und seine Folgen. Bouvier Verlag, Bonn 2014. 328 S., 24,90 €.

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