https://www.faz.net/-gpf-9okwc

Amerika gegen China : Große Mächte verstehen

  • -Aktualisiert am

Bild: EPA

Zwar spielt „die Musik“ weltpolitisch vorwiegend im asiatisch-pazifischen Raum. Dass das auch für Europa und Deutschland Konsequenzen hat, zeigt dieses Buch.

          3 Min.

          Wie das Deutsche Reich nach 1890 glaubte, durch straffe Führung im Sinne Friedrichs des Großen in den Kreis der Weltmächte eindringen zu können, so will China die Vereinigten Staaten heute als Supermacht ablösen. Peking sagt dies öffentlich nicht, aber seit Xi Jinpings machtpolitischer Umorientierung 2013 ist es eindeutig. In Berlin werden diese Intentionen bis heute nur selten strategisch gelesen und die militärischen Konsequenzen, die Chinas Machtwille für Europa hat, nur begrenzt verstanden. Die Kalküle von Großmächten, so lassen nicht zuletzt Äußerungen der Bundeskanzlerin immer wieder erkennen, werden weiterhin als Relikte einer überkommenen Vergangenheit wahrgenommen.

          Dass China aber in solchen Kategorien denkt – und sich faktisch das Grundverständnis aus Amerika angeeignet hat –, verdeutlicht Yan Xuetong, ein Altmeister chinesischer Strategielehre und wichtiger Vordenker seiner Regierung.

          Seine Ausgangsfrage ist deshalb nicht verwunderlich: „Wie kann ein Herausforderer die Weltmacht von einem Hegemon übernehmen?“ Seine innenpolitisch formulierte Antwort (und sein der Regierung gezollter Tribut) lautet: „Wenn die Ausrichtung und Durchsetzung politischer Reformen fähiger und effizienter ausgeführt werden, als dies bei der Vormacht der Fall ist.“ Solch innerer Machtaufbau soll auf moralischer und, so Yan, humaner Autorität gründen; auf universellen Regeln, die qua Evolution von der gesamten Menschheit akzeptiert sind. Yan leitet aus diesem moralischen Realismus, wie er es nennt, drei Aufgaben einer humanen Weltmacht ab: „Vorbildfunktion einnehmen, international zum Vorteil gereichende Normen befördern und davon abweichendes Verhalten bestrafen.“ Einer Weltmacht gelingt dies nur, „wenn sie diesen Pflichten national und international konsistent und vertrauenswürdig nachgeht“. Er sieht China noch nicht vollständig auf diesem Weg, aber wenn es (auf seinen Rat) die Politik des non-alignment aufgibt und damit (seines Erachtens) das Haupthindernis für Alliierte entfällt, ist er siegesgewiss.

          Dass nun die Regierung nicht beständig linear die besseren Politikentwürfe hervorbringen wird, dass universelle moralische Regeln unweigerlich die klassische Kritik an Großmächten hervorrufen und dass die drei Aufgaben so nichts anderes als ein kaum verschleierter Plan chinesischer Weltmachtprojektion sind, ist unschwer erkennbar.

          Der Wille zur Dominanz

          Drei Punkte zeigen dann aber, mit welcher Bestimmtheit der innenpolitische Machtaufbau Chinas Weltmachtverständnis längst formt. Mit großer Gelehrsamkeit legt Yan zunächst seine Verankerung in der „Schule des klassischen Realismus von Hans Morgenthau“ dar. Danach bricht sich, aufbauend auf materieller Macht, stets der inhärente Wille von Staaten zur Dominanz über andere Bahn. Aber Morgenthau wusste nur zu gut auch um die emotionalen Versuchungen der Macht und dass kluge Strategen deshalb die Grenzen der Macht mit klarem Auge beobachten. Dass Yan trotz seiner souveränen Kenntnis Morgenthaus diese Versuchungen für China absichtlich ausblendet, zeigt, wie weit sich Xi bereits von Bismarck entfernt hat und zunehmend nach Prestige heischt. Ganz wie Berlin nach 1890.

          Am deutlichsten werden die Intentionen Chinas aber an Yans Blick in die Zukunft. Worst-case-Szenarien hat er dabei nicht im Blick. Das Bemerkenswerte ist vielmehr, dass er eine zeitliche Abfolge benennt, deren Implikation, Krieg in Ostasien, das bereits bestehende Maß an Hybris illustriert. So sagt er deutlich, dass nunmehr „eine Dekade rückwärtsgewandter Politik bevorsteht“. So viel Zeit hat Xi, um China gegen Amerika „zur vorherrschenden Macht in Ostasien“ zu machen und Asien nach Pekings Regeln zu führen. Erst nach dieser Dekade sieht er eine Ära heraufziehen, die – angeführt von, so Yan, „fortschrittlichen Millennials“ chinesischer Herkunft – Raum für die humane Führung Pekings zeitigen wird. Er sagt damit letztlich, dass dieser Ära in den nächsten zehn Jahren zunächst die Lösung des Hegemonialkonflikts vorausgehen wird.

          Der Blick auf Chinas rohe Intentionen ist damit freigelegt – und bleibt doch ungenau. Denn ohne Amerika – das ist die Schwäche des Buches – kann die Zukunft Ostasiens nicht durchdacht werden. Nuklearwaffen machen Krieg heute vielleicht weniger wahrscheinlich. Aber Amerika wird sich seine regionale und globale Dominanz nicht durch chinesische Nuklearwaffen abtrotzen lassen.

          Strategisch und mit Blick auf Deutschland lässt sich Yans Buch so lesen: In Ostasien wird die westliche Weltordnung herausgefordert, weshalb sich Amerika und China längst auf die Unwägbarkeiten eines Krieges vorbereiten. Deutschlands strategische Sicherheit ist davon unmittelbar betroffen. Sosehr sich auch die partikularistische Debatte über den deutschen Wehrhaushalt den tektonischen Veränderungen der Weltordnung noch entziehen mag, es wäre fatal, die Kalküle und Strategien der Großmächte zu ignorieren. Denn: Amerikas strategische Neuausrichtung auf Asien hat zwei Optionen. Eine Entspannung mit Russland und der Bruch der Nato, um sein strategisches Gewicht ganz auf China zu konzentrieren. Oder: den (psychologisch überragend wichtigen) Erhalt der Nato, aber eine neue Lastenteilung, die den Europäern die Verantwortung für die Sicherheit Europas überträgt. Strategien für einen europäischen Nuklearschirm gibt es in diesem Zusammenhang bereits. Ob dem Westen eine neue Austarierung im Sinne der zweiten Option gelingt, ist die große strategische Debatte unserer Zeit.

          Yan Xuetong: Leadership and the rise of great powers.

          Princeton University Press, Princeton 2019. 280 S., 24,– £.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Drogenkartell : Schlacht um „El Chapos“ Sohn

          Nach der Festnahme eines Kartellbosses spielen sich in der mexikanischen Stadt Culiacán Szenen wie im Krieg ab – und die Armee lässt den Verbrecher wieder frei.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.