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Unbequem : Die Diplomatie als Retter

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Mehr als die Hälfte des Buches widmet Farrow Afghanistan und Pakistan, auch weil ihn der Protagonist unglaublich fasziniert. Holbrooke, Spitzname „Bulldozer“, hatte als Staatssekretär im Außenministerium 1995 die drei Gegner im Bosnien-Krieg mit Beharrungskraft und Drohungen zum Friedensschluss gezwungen. 2009/10 will er das Gleiche in Afghanistan und Pakistan erreichen. Farrow weiß zwar um Temperamentausbrüche, Rücksichtslosigkeit und Narzissmus seines Chefs, aber auch um dessen Durchsetzungsfähigkeit und Leidenschaft und kommt nicht umhin, ihn als Prototypen effektiver amerikanischer Diplomatie zu bewundern („Er war der seltene Fall eines Arschlochs, das Respekt verdient“). Holbrookes Bemühungen um eine diplomatische Lösung des Konflikts passen jedoch nicht ins Kalkül des Weißen Hauses. Dort hat selbst Obama das Mantra des Primats des Militärischen so verinnerlicht, dass Ideen und Vorschläge aus dem Außenministerium kaum Eingang finden in den Entscheidungsprozess. Holbrooke wird schnell kaltgestellt.

Das gleiche Muster sieht Farrow in der amerikanischen Politik in Syrien, am Horn von Afrika, in Ägypten und Kolumbien. Überall schien es Präsidenten leichter, mit ausländischen Streitkräften und Milizen zu paktieren, als den mühsamen diplomatischen Weg einzuschlagen. In Syrien trainierten Pentagon und CIA heimlich die Freie Syrische Armee und die kurdische YPG, in Afghanistan setzte das Weiße Haus auf Warlords wie den verschlagenen Abdul Dostum, in Somalia zunächst auf Warlords, dann auf die Invasion der äthiopischen Armee. Mit Ägypten waren die Beziehungen zu einem Deal Militärhilfe gegen regionalpolitisches Wohlverhalten verkommen, so dass man während des Putschs gegen den gewählten Präsidenten Mohammed Mursi keine diplomatischen Hebel hatte, um die Generäle von Massakern an den Muslimbrüdern abzuhalten. Und in Kolumbien, so Farrow, schufen die Vereinigten Staaten durch ihren militanten Kurs nicht nur die Farc, sondern trugen durch ihre bedingungslose Unterstützung der Regierung mit Militärhilfe auch wesentlich zur Eskalation des Bürgerkriegs bei.

Farrows Buch ist eine Mischung aus Berichterstattung und Memoiren und es ist am stärksten, wenn er mit feiner journalistischer Feder die Protagonisten zeichnet. Die Porträts von Holbrooke und Dostum legen offen, wie beide ticken. Auch hat Farrow ein gutes Gespür für die richtige Anekdote zur richtigen Zeit. Köstlich, wenn er berichtet, wie Holbrooke die Außenministerin bis auf die Damentoilette verfolgt, um sie von seiner Sichtweise zu überzeugen. Farrows Argument, Amerika leide an einem Übermaß militärischer Lösungsansätze, erzählt aber bestenfalls die halbe Story, zumal er als Kronzeugen neun Außenminister anführt – das dürfte ein Interview-Rekord sein. Amerikas Einfluss geht nämlich primär zurück, weil das wirtschaftliche und militärische Gewicht des Landes in der Welt seit 1991 sinkt und nach dem Ende des Kalten Krieges alte Partner nicht mehr automatisch Gefolgschaft leisten. Insofern hat der Machtverlust der Vereinigten Staaten mehr zu tun mit dem Aufstieg Chinas und der selbständigeren Politik regionaler Akteure als mit dem Niedergang der Diplomatie.

Ronan Farrow: Das Ende der Diplomatie. Warum der Wandel der amerikanischen Außenpolitik für die Welt so gefährlich ist.

Rowohlt Verlag, Reinbek 2018. 480 S., 22 ,– .

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