https://www.faz.net/-gpf-8frqi

Umweltgeschichte : Wenn Deutschlands Blüten blühen

  • -Aktualisiert am

Dieser Demonstrant engagiert sich im April 1989 in München für den Schutz der Ozonschicht Bild: Abb. aus dem bespr. Band

Methodisch an dem Soziologen Pierre Bourdieu orientiert, identifiziert Franz Uekötter „drei Handlungsfelder des Ökologischen“, die er chronologisch abarbeitet: das Feld der staatlichen und kommunalen Politik, das Feld der Zivilgesellschaft und das Feld der Lebenswelt.

          3 Min.

          Der skeptische Untertitel ist Programm: Frank Uekötter möchte das Ergrünen Deutschlands nicht als Erfolgsgeschichte erzählen, sondern betont nüchtern als „Strukturwandel des Ökologischen seit 1900“ und mit gebührendem Abstand zu den Akteuren auf diesem Gebiet. Die Distanz ergibt sich schon aus seinem Wirkungsfeld, der Universität Birmingham. Der Autor schaut (seit 2013) von außen auf Deutschland, seinen Standort Großbritannien gelegentlich mit Seitenblicken bedenkend. Je näher er der Gegenwart kommt, umso entschiedener vertritt er aber auch politische Standpunkte im Sinne eines „Was getan werden müsste“. Methodisch an dem Soziologen Pierre Bourdieu orientiert, identifiziert Uekötter „drei Handlungsfelder des Ökologischen“, die er chronologisch abarbeitet: das Feld der staatlichen und kommunalen Politik, das Feld der Zivilgesellschaft und das Feld der Lebenswelt. Das ermöglicht ihm einerseits, das potentiell uferlose Thema Umwelt einzugrenzen, hindert ihn aber daran, wenigstens punktuell ökologische Fragen inhaltlich zu vertiefen.

          Dieses Manko überspielt er mit einer Fülle unterhaltsamer Anekdoten. In den ersten Kapiteln spiegeln sie mal die beklagenswerten Zustände nach der industriellen Revolution, mal die Kleinkariertheit der sehr disparat organisierten Naturschützer. Uekötter zeigt, dass die Zusammenarbeit zwischen Behörden und Naturschutzverbänden schon im Kaiserreich so eng „wie in keinem anderen europäischen Land“ war. Die Weimarer Verfassung unterstellte zwar Natur und Landschaft „dem Schutz und der Pflege des Staates“ (Artikel 150), doch erst die Nationalsozialisten erfüllten 1935 den langgehegten Wunsch nach einem einklagbaren Naturschutzgesetz. Zu spät merkten die Freunde von Flora und Fauna, dass der Köder, den sie allzu begeistert schluckten, vergiftet war.

          Entsprechend kleinlaut agierten die Verbände nach dem Krieg. Lokale Umweltinitiativen und der Verband Deutscher Ingenieure (VDI) nahmen ihnen das Heft des Handelns aus der Hand. Erstere mit mehr oder weniger Erfolg, der VDI aber mit der Autorität von Fachleuten, die sich für technische Verfahren zur Reinhaltung der Luft und des Wassers einsetzten. Abermals kam es zu der für Deutschland so typischen Kooperation von gesellschaftlichen und politischen Kräften, die Uekötter als „Umweltpolitik von oben“ beschreibt. Die hatte in seinen Augen ihre Meriten, war aber vormodern. Das blieb so bis Mitte der siebziger Jahre, denn die Achtundsechziger, die in Paris und Berlin auf die Straße gingen, hatten ursprünglich alles andere als grüne Ziele. Hans-Dietrich Genscher dagegen bescheinigt Uekötter, dass er früh das Potential der Umweltpolitik erkannt habe. Als Innenminister der ersten sozial-liberalen Koalition habe er von 1969 an die Zuständigkeit für Luftreinhaltung und Gewässerschutz an sich gezogen. Nur habe Genscher zu viel Kraft darauf verwandt, dem Bund die Rahmengesetzgebung zu sichern - und zu wenig auf die Durchsetzung von Umweltstandards. Die wurden nun immer gebieterischer eingefordert. Lokale Initiativen gegen neue Atomanlagen, aber auch gegen andere Großprojekte wie den Rhein-Main-Donau-Kanal, machten Front gegen Gremien und Behörden, die solche Vorhaben in alter Manier geprüft und genehmigt hatten. Ihr radikal und zum Teil gewalttätig vorgetragener Protest entwickelte gerade in Deutschland eine ungeahnte Durchschlagskraft. Die hier besonders heftig geführte Debatte über das Waldsterben bescherte den Grünen erste Wahlerfolge und brachte die Gesetzgebungsmaschine gehörig in Schwung: Entschwefelungsanlagen für die Industrie und Katalysatoren für Autos wurden Pflicht. Uekötter spricht von der „ökologischen Revolution“ der achtziger Jahre. Ihren Ursachen widmet er ein eigenes Kapitel, in dem er die oft genannten Faktoren zusammenträgt: postmaterieller Wertewandel, wirtschaftlicher Strukturwandel, das Auftreten charismatischer Persönlichkeiten und multipler Zukunftsängste und anderes. Sein Fazit: „Die Umweltbewegung entstand an einem Punkt, an dem binnen weniger Jahre ganz unterschiedliche Trends zusammenkamen. Sie war mithin ein historisch kontingenter Knotenpunkt, und die Permanenz der Umweltbewegung hängt auch daran, dass sich seither kein neuer Kristallisationspunkt herausgebildet hat.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Formel 1 in Brasilien : Ferrari flucht

          Verrücktes Finale beim Formel-1-Rennen in São Paulo: Die beiden Ferrari-Piloten schießen sich gegenseitig ab und scheiden nach der Kollision aus. Der Zoff der Stallrivalen bei der Scuderia eskaliert endgültig.
          Bleibt mehr Geld von der Betriebsrente?

          Betriebsrenten : Zusatzrente vom Chef

          Die Regierung macht Betriebsrenten attraktiver: Künftig werden weniger Krankenkassenbeiträge fällig. Vier Millionen Rentner dürfen sich freuen. Und was ist mit dem Rest?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.