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Ulrich Schlie: Das Duell : Musik in den Ohren eines Österreichers

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Umbenennung des Rathausplatzes in Wien im März 1938 Bild: Abbildung aus: Hans Petschar: Anschluss

Habsburg und Preußen haben die deutsche Geschichte über weite Strecken geprägt. Das „Dritte Reich“, so könnte man formulieren, war eine unglückliche Fusion von perversen Elementen beider Traditionen.

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          Als „ein Duell unter Freunden“ solle man den Krieg von 1866 betrachten, schlug der alte Feldmarschall Wrangel einem österreichischen Kameraden einmal vor. Ulrich Schlie hat dieses Motto aufgegriffen und auf vier Doppelporträts erweitert: Den Klassiker von „la belle et la bête“: Maria Theresia und Friedrich der Große; das „zeitversetzte Ringen“ von Metternich und Bismarck, die einander nur kurz trafen, und das ganz amikal, als Metternich schon im Ruhestand war und Bismarck ganz am Anfang seiner Karriere stand; Franz Joseph I. und Wilhelm II., die allerdings nie Rivalen waren, sondern allenfalls als Verbündete so ihre Probleme miteinander hatten - und Hand aufs Herz, war Franz Joseph mit seinem nüchternen Pflichteifer von den beiden nicht doch der bessere Preuße? Schließlich das recht einseitige Duell zwischen Hitler und Schuschnigg, genaugenommen zwei Österreichern.

          Schlies Schwerpunkt liegt zunächst einmal auf den psychologischen Porträts seiner Protagonisten. Doch im Hintergrund steht dabei unabweislich immer wieder das europäische Mächtesystem, in das ihr Ringen eingebettet war. Mit diesem Zugang macht es sich Schlie nicht gerade leicht: Denn es ist schwer, über Persönlichkeiten, die seit jeher zu den beliebtesten Figuren der Historiographie gehören, noch allzu viel Originelles zu sagen (allenfalls Schuschnigg, der in der Bundesrepublik nicht allzu bekannt sein dürfte, bildet da vielleicht noch eine Ausnahme). Fast noch ärger ist es um die internationalen Beziehungen bestellt: Allein schon die unabsehbare Fülle der Literatur beinhaltet da ein gewisses milieubedingtes Element der Abschreckung. Schlie selbst ist ein ausgewiesener Spezialist für die Tücken der Diplomatie des Zweiten Weltkriegs. Niemand kann es ihm übelnehmen, wenn ihm bei der Analyse der Rokokodiplomatie der eine oder andere Schnitzer passiert, ganz abgesehen von diversen Flüchtigkeitsfehlern.

          Das Buch ist gut geschrieben und enthält eine Menge gelungener Formulierungen. Doch bei alledem zeichnet es jene Eigenschaft nicht aus, die Schlie an Maria Theresia zustimmend zitiert: „die Abwesenheit nagender Sorge und schrecklicher Erinnerungen.“ Schlie weist zu Recht darauf hin, dass die Fritz-Fischer-Schule längst in die Jahre gekommen ist, und er hält die mediale Allgegenwart Hitlers für „bestürzend“ - aber er vermag sich von den Zwängen dieser Vorgaben doch nicht recht zu lösen. Die Brüchigkeit unserer Geschichte ist es, die „den Blick zurück so wichtig und zugleich so schwierig macht“. Oder vielleicht ist dieser Blick deshalb besonders schwierig, weil sich die Historiker hierzulande so besonders wichtignehmen oder weil es immer wieder auch darum geht, „das Erbe für die Gegenwart nutzbar zu machen“. Doch hatten nicht genau das Hitler und Honecker schließlich auch gewollt?

          Die zentrale Weichenstellung, so klingt immer wieder an, stellt für Schlie die Reichsgründung im Jahre 1871 dar, die auf Königgrätz und die erste deutsche Teilung folgte. Nun mag die Andeutung, es wäre besser gewesen, der Krieg von 1866 wäre anders ausgegangen, natürlich Musik in den Ohren eines Österreichers sein. Andererseits: Wissen wir Deutsche wirklich „erst im Blick auf die Ereignisse des Jahres 1871, dass wir Deutsche sind“? Schlie stellt ganz richtig fest, das Deutsche Reich entwickelte sich zu einer Macht, „zu groß für das Gleichgewicht, zu klein für die Hegemonie“. Aber war das 1871 schon so klar? Damals zählten Frankreich und das neue, kleindeutsche Reich gleich viel Einwohner und produzierten gleich viel Stahl. 1914 hatte Deutschland mehr als anderthalb so viel Einwohner als Frankreich und produzierte viermal so viel Stahl - und das übrigens in Regionen, die schon lange vor 1866 zu Preußen gehörten.

          Es war eine Frage von „Blut und Eisen“, in einem ganz anderen Sinn, als Bismarck die Formel verwendet hatte, nämlich Folge eines phänomenalen demographisch-ökonomischen Wachstums, wenn Deutschland in der Generation nach 1871 eine solche „halbhegemoniale“ Stellung in Europa errang. Umso kurioser, wenn Schlie ausgerechnet das Kapitel um Franz Joseph und Wilhelm II. mit „Niedergang“ übertitelt. Kollaps und Sturz der Kaiserreiche, ja selbstverschuldeter Sturz, wenn man an so manche fatale Entscheidung denkt, von der Kriegserklärung bis zum uneingeschränkten U-Boot-Krieg, aber Niedergang, der langsames Siechtum impliziert, wohl nicht. Schlie betont die Offenheit der Geschichte. Warum ist dann gerade im Zusammenhang mit dem „Zweiten Reich“ die Rede von „einem staatlichen Geschöpf, dem keine Dauer beschieden sein konnte“?

          Habsburg und Preußen haben die deutsche Geschichte über weite Strecken geprägt. Das „Dritte Reich“, so könnte man formulieren, war eine unglückliche Fusion von perversen Elementen beider Traditionen, einer antihabsburgischen in Österreich und einer antipreußischen in Weimar. Und die Bundesrepublik, die sich immer und überall als Gegenentwurf zu Hitler verstand, verkörperte erst recht die Rache des „dritten Deutschland“ an den beiden deutschen Großmächten. Im neuen Deutschland, im neuen Europa ist das Erbe Preußens und Habsburgs gegenwärtig, vielleicht sogar mehr in Europa als in Deutschland - und das nicht bloß, weil Deutschland vielleicht demnächst in Europa aufgeht wie einst Preußen in Deutschland.

          Vielleicht sollte eine Suche nach dem „Erbe“, den fortwirkenden Folgen, in den Nachbarländern fortgesetzt werden: Wie man in Thorn über „Kongress-Polen“ spricht, wie in Rumänien oder im alten Jugoslawien die alten habsburgischen Grenzen weiterhin prägend wirken, ja wie selbst Italien zwischen exhabsburgischen und expäpstlichen Gebieten bei vergleichbarer Sozialstruktur ganz unterschiedliche Wahlergebnisse produziert. Leben vielleicht „die besseren Preußen“ und Habsburg-Erben doch nicht in Deutschland, das sich mit ihnen offenbar immer noch so schwertut?

          Ulrich Schlie: Das Duell. Der Kampf zwischen Habsburg und Preußen um Deutschland. Propyläen Verlag, Berlin 2013. 432 S., 24,99 €.

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