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Ulrich Herbert: Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert : Kaiserschaum, Führerraum, Kanzlertraum . . .

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Der Reichstag in Berlin am 08. Mai 2014 Bild: dpa

Ulrich Herberts Darstellung der Geschichte nach 1945, in der die Bundesrepublik das erlangte, was das Kaiserreich einst vergeblich erstrebt hatte: einen „Platz an der Sonne“, hinterlässt einen vorsichtig-affirmativen Eindruck.

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          Eigentlich hätte dieses Buch einen anderen Titel tragen sollen, gesteht Ulrich Herbert gleich zu Beginn seiner monumentalen Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert: „Die Jahre, die ihr kennt“, so hätte er es gern genannt. Zweifellos ein charmanter, feinsinniger Einfall. Da so aber bereits ein Band mit autobiographischen Texten von Peter Rühmkorf heißt, schied dieser schöne Titel am Ende aus - sicher aus praktischen Erwägungen, wohl auch aus grundsätzlichen. Denn: Kennen wir die Jahre wirklich, von denen Ulrich Herbert auf fast 1500 Druckseiten mal gedrängter, mal ausführlicher berichtet? Und selbst wenn uns die Eckdaten vertraut sind, wissen wir denn tatsächlich um Zusammenhänge und Widersprüche, Kontinuitäten und Brüche? Was verbindet die Schlacht bei Tannenberg Ende August 1914 mit dem Attentat des 20. Juli 1944? Was den Anschlag auf Rudi Dutschke im April 1968 mit Brandts Kniefall im Dezember 1970? Was die Konferenz von Jalta im Februar 1945 mit Schabowskis Versprecher vom 9. November 1989?

          Die Fragen deuten es an: Langweilig ist die deutsche Geschichte keineswegs, zumal nicht im 20. Jahrhundert. Ein Mangel an Stoff herrscht hier nirgends; eher schon ist es ein Zuviel an Personen und Ereignissen, an Motiven und Strukturen, die dem Historiker das Handwerk erschweren. Insofern ist Ulrich Herbert mit seiner Geschichte Deutschlands in der Tat ein großer Wurf gelungen. Denn Herbert, einer der einflussreichsten Historiker seiner Generation, lässt die Ambivalenzen dieses vielfach bis zum Bersten gedrängten Jahrhunderts ebenso markant wie perspektivenreich hervortreten. Das gilt insbesondere für den scharfen Bruch zwischen der Epoche der Kriege und Katastrophen einerseits und dem nachfolgenden Siegeszug des modernen Industrie- und Wohlfahrtsstaats andererseits.

          Vor diesem Hintergrund erscheint das Jahr 1945 durchaus als eine „Stunde Null“, gleichsam als Achsenzeit der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert. Ihre nähere Bedeutung erhält diese auf den ersten Blick nicht sonderlich überraschende Zäsur durch den Umstand, dass Herbert sich die Zeit nimmt, den Erzählfaden bereits im Kaiserreich aufzunehmen. Hier sieht er, verkörpert durch Wilhelm II., den „Aufsteiger und Karrieristen“, jene Widersprüche und Ambivalenzen grundgelegt, die sich in der Folge als bedrohliche Hypothek erwiesen. Der verständliche Wunsch nach einer (wie auch immer verstandenen) „Normalität“ wurde dabei zur Triebfeder ganz und gar nicht selbstverständlicher Entwicklungen.

          Der Preis des Fortschritts, an der rasant steigenden Exportquote ebenso ablesbar wie am unbändigen Wachstum der Städte, bestand in einem grundsätzlichen Vorbehalt gegenüber der modernen Welt, in einer tiefgreifenden Orientierungskrise, die sich in der zunehmenden Radikalisierung der politischen Kultur äußerte. Man stand an der Schwelle zum 20. Jahrhundert, als Ludwig Klages den Juden als Typus des „modernen Hysterikers“ brandmarkte, Alfred Grotjahn dazu aufrief, alle Arbeiter, die „tuberkulös, geschlechtskrank, nervenkrank, verrückt, epileptisch, blind und taub“ seien, in speziellen Asylen zu isolieren, und immer mehr Menschen von der Notwendigkeit überzeugt waren, Lebensraum im Osten zu gewinnen. Hier werden Leitmotive deutlich, die den weiteren Verlauf der Geschichte entscheidend prägen sollten. In der „stabilen Krise“ des ausgehenden Kaiserreichs blieben sie, wie Herbert zeigt, noch zivilisatorisch eingehegt. Durch die zerstörerische Logik des Ersten Weltkriegs jedoch, der zu einer „Entgrenzung von Gewalt in bis dahin unbekannter Größenordnung“ führte, gewannen sie eine Eigendynamik, die die Grenzen des „Normalen“ nachhaltig verschob.

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