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Übersinnlichkeit im NS-Staat : Das Pendel schwingt, der „Führer“ sinkt

  • -Aktualisiert am

Wahrsagerin mit Kristallkugel Bild: dpa

Ist immer noch nicht alles gesagt zum Nationalsozialismus? Offenbar nicht. Jetzt hat sich ein Historiker der „übernatürlichen“ Geschichte des NS-Staates angenommen

          Das Beste gleich zu Beginn: „Hitler’s Monsters“. Ein Buch mit diesem Titel hat man gerne im Schrank stehen, direkt neben Hitlers Histaminintoleranz und Hitlers Gesammelten Gardinenpredigten. Doch wie viel Übernatürliches steckt eigentlich im Nationalsozialismus? Hitler ließ etwa die neue Reichskanzlei von einem bekannten Hellseher gegen schädliche Erdstrahlen absuchen. Die Marine wiederum verwendete Pendel, um feindliche Schiffe aufzuspüren. Somit scheint also der bisherige empirisch-terrestrische Zugang zum Nationalsozialismus nicht auszureichen.

          Der amerikanische Historiker Eric Kurlander geht in seiner „übernatürlichen Geschichte des Dritten Reichs“ von der Grundannahme aus, dass keine politische Massenbewegung derart bewusst auf einer erdachten Fiktivwelt aufbaute wie der Nationalsozialismus. Mit Hilfe von Okkultismus, Parawissenschaften, New Age und Mythologie sei es gelungen, Millionen Deutsche zu erreichen, die nach neuen Formen der Spiritualität und alternativen Erklärungsmustern für die Welt gesucht hätten – abseits der klassischen Wissenschaften oder der traditionellen Religionen. Man könne, so Kurlander weiter, die Geschichte des „Dritten Reichs“ nicht verstehen, ohne das Verhältnis von Nationalsozialismus und Übersinnlichkeit in Betracht zu ziehen.

          Damit ist erst einmal die Neugierde des Lesers geweckt, der bisher unter Pendelbewegungen in der Geschichte keinesfalls etwas Übernatürliches verstanden hatte. Gerade in Zeiten von Fake News kann es durchaus gewinnbringend sein, sich konkret zu überlegen, in welcher Weise politische Prozesse durch Verschwörungstheorien und Mystifizierungen beeinflusst wurden. Genau dies tut das Buch aber nicht. Dafür wird erst einmal ausführlich noch der exzentrischste aller Exzentriker mit den abstrusesten Thesen in extenso zitiert. Der Leser wird dabei, völlig unspirituell, in das Pandaimonion der völkischen Bewegung, der Okkultisten und geistigen Sonderlinge geführt. Kurlander hat sich jedoch bedauerlicherweise rasch im Labyrinth der Irrelevanz verlaufen. Mit Mühe versucht er, einen gewissen konkreten Einfluss auf die NS-Bewegung – den es durchaus gab – nachzuweisen. Doch wirken seine Bemühungen recht hilflos: Wenn Hitler beispielsweise einige Zeilen in dem Buch „Magie: Geschichte, Theorie, Praxis“ von Ernst Schertel unterstrich, so zeigt dies noch lange keinen Einfluss parawissenschaftlicher Autoren auf sein Denken.

          Zudem gelingt es Kurlander nicht, die verschiedenen absurd-okkultistischen Strömungen von durchaus relevanten intellektuellen Bewegungen zu trennen. So verwurstet er zum Beispiel die liberalen Ansätze der Lebensreformbewegung ungesehen in seinem völkisch-übernatürlichen Brei. Gartenstadtbewegung, biologisch-dynamischer Landbau, Homöopathie, Waldorfpädagogik: Alles wird direkt oder indirekt zum okkulten Weggefährten des Nationalsozialismus umgedeutet. Damit zeigt Kurlander jedoch allein, dass die besondere Gedankenwelt der deutsch-christlich-jüdischen Intellektuellen für ihn Terra incognita bleibt. Für ihn gibt es nur die positivistische Wissenschaft. Alle Versuche, Wissenschaft auch geistig-intellektuell zu durchdringen, ohne dabei in esoterische Formen abzugleiten, zählt er bereits zu Grenzwissenschaften – und verdammt damit gleichzeitig ungewollt den versammelten Geist von Adorno bis Max Weber.

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