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Lenin und Ludendorff : Traumpaar der Oktoberrevolution?

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Rotbanner-Orden Bild: Deutsches Historisches Museum/ Fotograf Sebastian Ahlers

Die Osteuropa-Historikerin Eva Ingeborg Fleischhauer vertritt die These, entscheidend für das Gelingen der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution sei die „Aktionsgemeinschaft“ zwischen Lenin und dem deutschen General Erich Ludendorff gewesen. Diese habe angeblich seit Lenins Flucht aus Russland nach der gescheiterten Revolution von 1905 bestanden und ihren Höhepunkt 1917 erreicht.

          Nachdem Erich Ludendorff im vergangenen Jahr von den beiden Publizisten Will Brownell und Denise Drace-Brownell in dem Buch „The First Nazi“ als maßgeblic her Wegbereiter Hitlers und des Nationalsozialismus ausgemacht worden ist, droht dem vor achtzig Jahren verstorbenen „Kopf“ der Dritten Obersten Heeresleitung im Ersten Weltkrieg neues Ungemach. Auslöser ist eine Studie der Osteuropa-Historikerin Eva Ingeborg Fleischhauer über die Russische Revolution, genauer: die Machteroberung der Bolschewiki unter Führung Lenins vor hundert Jahren. Darin vertritt die Russland-Kennerin, die bereits mit Veröffentlichungen zur Geschichte der Deutschen im Zarenreich und in der Sowjetunion sowie des Hitler-Stalin-Paktes Aufmerksamkeit erregt hat, die These, entscheidend für das Gelingen der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution sei die „Aktionsgemeinschaft“ zwischen Lenin und General Ludendorff gewesen. Diese habe angeblich seit Lenins Flucht aus Russland nach der gescheiterten Revolution von 1905 bestanden und ihren Höhepunkt 1917 erreicht.

          Im Klappentext liest sich das Ergebnis der „zehnjährigen detektivischen Arbeit“ der Autorin, die mehrere Jahre in St. Petersburg gelehrt hat, wie folgt: „Selten ist in der jüngeren Geschichte ein Geheimnis so lange erfolgreich verborgen worden wie die Urheberschaft des deutschen Generalstabs und speziell der Anteil von Erich Ludendorff am Zustandekommen der Russischen Revolution im Jahre 1917.“ Und bezogen auf Lenin, heißt es dort weiter: „Die systematische Vernichtung der Akten der Nachrichtendienste des deutschen und österreichisch-ungarischen Generalstabs bei Ende des Ersten Weltkriegs hat dafür gesorgt, dass [. . .] dem zum Machthaber über Russland bestimmten, langjährigen Agenten Wladimir Iljitsch Uljanow-Lenin die Peinlichkeit der Enttarnung durch seine Landsleute erspart blieb.“

          Allein ein solcher Befund lässt den Leser unweigerlich aufhorchen. Schließlich erschien Ludendorff, der sowohl nach der verfügbaren Aktenüberlieferung wie nach seinem eigenen Bekunden am 25. März 1917 der vom Auswärtigen Amt unterstützten Rückkehr Lenins aus dem Schweizer Exil im „plombierten“ Waggon zugestimmt hatte, lange lediglich als „Werkzeug des Auswärtigen Amts“ (so Werner Hahlweg). Demgegenüber haben neuere Forschungen keinen Zweifel daran gelassen, dass auch die Militärs angesichts des drohenden Kriegseintritts der Vereinigten Staaten von Amerika – wie auch die zivile Reichsleitung – um jeden Preis zu einer Kriegsbeendigung im Osten kommen wollten. Schließlich hatten sich nach der Februarrevolution 1917 die von der Obersten Heeresleitung gehegten Hoffnungen auf einen Separatfrieden nicht erfüllt.

          Da die bürgerliche Provisorische Regierung unter Führung von Georgi Lwow und Alexander Kerenski entschlossen war, den Krieg an der Seite der Entente fortzusetzen, ruhten fortan in Berlin alle Hoffnungen auf den Bolschewiki, dem radikalsten Flügel der sozialistischen Bewegung. Deren Führer Lenin hatte seit Kriegsbeginn keinen Hehl daraus gemacht, dass ihm ein Friedensschluss mit den Mittelmächten als Voraussetzung für die sozialistische Revolution erschien. Darüber, wie er sich deren Wirkung vorstellte, ließ der sich seit Februar in seinem Züricher Exil wie in einem „Käfig“ gefangen fühlende „Revolutionsmessias“ (Wolfgang Ruge) seine Mitstreiter nicht im Unklaren; plante er doch eine Revolution „von der tausendfachen Gewalt der Februarrevolution“.

          Das durch ein solches Ereignis zwangsläufig entstehende „größtmögliche Chaos“ aber entsprach ganz den deutschen Interessen, voran denen des Militärs. Leo Trotzki brachte das Kalkül Lenins und Ludendorffs auf den Punkt: „Ludendorff sagte sich: Lenin wird die Patrioten stürzen, dann werde ich kommen und Lenin und seine Freunde ersticken. Lenin sagte sich: Ich werde in Ludendorffs Eisenbahnwagen durch Deutschland fahren und werde ihm für diesen Dienst auf meine Art zahlen.“

          Dieser personalisierten Interpretation der Ereignisse stellt Eva Ingeborg Fleischhauer eine andere Sicht gegenüber. Demnach verfügte Ludendorff seit einer mehrmonatigen Russland-Reise im Jahr 1894 nicht nur über nachrichtendienstliche Verbindungen in das Nachbarland. Vielmehr verhalfen ihm die Informationen, welche er von seinen Kontaktleuten erhielt, 1914 zum Sieg bei Tannenberg und leisteten ihm als Stabschef von Oberost bis Sommer 1916 wertvolle Dienste.

          Ähnlich stellt sich für Fleischhauer die Ausgangslage bei Lenin dar. Dieser habe seit dem Russisch-Japanischen Krieg systematisch Kontakte zu ausländischen Agenten unterhalten; zunächst zum Evidenzbureau des K.-u.-k.-Generalstabs und anschließend zum deutschen militärischen Nachrichtendienst, der von Oberst Walter Nicolai geleitet wurde. Um es vorweg zu sagen: Für den bereits von seinen zeitgenössischen Widersachern erhobenen – und von Fleischhauer wiederbelebten – Vorwurf, Lenin sei ein Verräter und „Mietling Ludendorffs“ (so Kerenski) gewesen, vermag sie jedoch keine stichhaltigen Beweise vorzulegen.

          Bietet die als Parallel-Biographie angelegte, in weiten Teilen konspirologische Züge aufweisende und damit einem aktuellen Trend der russischen Geschichtsschreibung folgende Studie somit keinen Anlass für eine Revision des Lenin- und Ludendorff-Bildes, liegt ihr Wert im Detail. Akribisch spürt Fleischhauer den weitverzweigten, häufig über schwedische und dänische Banken fließenden Finanzströmen zwischen deutschen Dienststellen und den von diesen unterstützten Revolutionären nach. Dabei tritt die Schlüsselrolle von Alexander Helphand heraus, dem Revolutionsveteran von 1905 und Mentor Lenins. Dieser hatte im Exil ein weitverzweigtes Firmenimperium aufgebaut und verfügte über exzellente Verbindungen zu einflussreichen Kreisen im Wilhelminischen Kaiserreich wie in verschiedenen neutralen Staaten.

          Während Helphand 1915 zum „Türöffner“ und wichtigsten Geldbeschaffer für die Revolutionäre wurde, fungierte der Lenin-Vertraute und spätere Präsident der Sowjetischen Notenbank Jakow Fürstenberg-Hanecki als „Schatzmeister“ der Bolschewiki und Verwalter der Leninschen Haushaltskasse. Um Einfluss auf den Verbleib der vom Reichsschatzamt zumeist mit dem Vermerk „Für Propagandazwecke in Russland“ bereitgestellten Millionenbeträge zu nehmen, wurde im Herbst 1915 von Helphand und Fürstenberg-Hanecki in Stockholm die „Handels- och Exportkompaniet A/S“ gegründet. Auf Anregung von Geheimdienstchef Nicolai trat dessen Vertrauter Georg Sklarz, ein Bankier, in die Geschäftsführung ein. Interessanterweise findet sich unter den in diesem Zusammenhang von der Verfasserin zutage geförderten Dokumenten auch eine Überweisung der Kopenhagener Filiale der Disconto-Gesellschaft in Höhe von 315 000 Mark an Herrn Lenin in Kronstadt.

          Dass die Deutschen entschlossen waren, sich die gewährte Unterstützung zurückzuholen, zeigte sich nach der Machtübernahme der Bolschewiki am 7. November 1917 und dem wenige Wochen später vereinbarten Waffenstillstand, welcher das Deutsche Reich vom Albdruck des Zweifrontenkrieges befreite. Der am 3. März 1918 zwischen den Mittelmächten und dem bolschewistischen Russland unterzeichnete Friede von Brest-Litowsk trug karthagische Züge: Das Land verlor mit Finnland, dem Baltikum, Polen und der Ukraine rund eine Million Quadratkilometer Boden mit fünfzig Millionen Menschen. Faktisch auf die Grenzen vor Peter den Großen zurückgeworfen, war damit aus der Anfang des 18. Jahrhunderts entstandenen Großmacht ein deutscher Vasallenstaat geworden.

          Allerdings ließ schon die Debatte um die Ratifizierung des Vertrages von Brest-Litowsk erkennen, dass Lenin entsprechend seiner „Theorie der Atempause“ auf Revision setzte. Bekanntlich sollte der Theoretiker der Revolution, der sich als virtuoser Machtpolitiker entpuppte, mit seiner Lageeinschätzung recht behalten. Ein halbes Jahr später musste das Deutsche Reich – nach dem Scheitern der Operation „Michael“ – bei den Westmächten um Waffenstillstand nachsuchen. Wenige Tage danach, am 14. November 1918, gab die Sowjetregierung daraufhin die Annullierung des Diktatfriedens bekannt. In Eva Ingeborg Fleischhauers Buch liest man darüber wenig – und vom dann folgenden Bürgerkrieg mit seinen zahllosen Opfern leider gar nichts.

          Eva Ingeborg Fleischhauer: Die Russische Revolution. Lenin und Ludendorff (1905 – 1917). edition winterwork, Borsdorf 2017, 888 S., 64,90 .

          Verdankte der General den Sieg bei Tannenberg etwa russischen Kontaktleuten? War er selbst ein Verräter?

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