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Transatlantische Beziehungen : Knallige Schelte

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Ihr Buch sei nicht als Plädoyer für die Abkoppelung Deutschlands von Amerika gemeint, schreibt Eva C. Schweitzer. Jedoch dürfe sich Deutschland nicht „in amerikanischen Kriegen verheizen lassen“.

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          Deutsch-amerikanische Beziehungen: Dabei denkt man, auch wenn es gegenwärtig ein paar deftige Konflikte zwischen Berlin und Washington gibt, an eine langjährige und für beide Seiten besonders nützliche Zusammenarbeit. Sie beruht nicht nur auf gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen. Vielmehr gibt es auch einen beträchtlichen Vorrat an politischen Gemeinsamkeiten. Unerschöpflich ist der zwar nicht, aber größer als in den meisten bilateralen Beziehungen mit anderen Ländern außerhalb Europas.

          Pustekuchen, meint die streitbare Eva C. Schweitzer. Zwischen Deutschland und Amerika gebe es seit über hundert Jahren einen immerwährenden „Schattenkrieg“. Es sei ein Krieg amerikanischer Kriegstreiber und Propagandisten. In dieser Konfrontation habe Deutschland jedes Mal den Kürzeren gezogen. Und die Friedensanhänger, Aufklärer und Dissidenten auf beiden Seiten hätten sowieso immer das Nachsehen gehabt. Das ist eine steile These. Sie bedient gleichzeitig das politische Weltbild eines durch die Globalisierung verunsicherten Nationalgefühls von der Mitte bis weit nach rechts und das Selbstgefühl einer links-anglophoben Kapitalismuskritik.

          Dieser angepeilte Adressenkreis ist ja in letzter Zeit auch größer geworden. Immerhin streut die Autorin eine kleine Rückversicherung ein: Ihr Buch sei nicht als Plädoyer für die Abkoppelung Deutschlands von Amerika gemeint. Jedoch dürfe sich Deutschland nicht „in amerikanischen Kriegen verheizen lassen“. Diese Formulierung ist etwas rätselhaft. Auf die Epoche der Weltkriege kann sie nicht gemünzt sein. Und nach 1945 und speziell nach 1990 - da gibt es eigentlich auch kein Beispiel für einen deutschen Verheiz-Service. Im Irak-Krieg von George W. Bush und seiner Koalition der Willigen, ein ziemlich kurzsichtiges Experiment mit sehr destruktiven Folgen, war Deutschland ausdrücklich nicht dabei. Und über die Internationale Sicherheitsunterstützungstruppe (Isaf) in Afghanistan kann man zwar geteilter Meinung sein. Aber weder lässt sich die zivile und militärische Mission auf einen „amerikanischen Krieg“ reduzieren, noch hat sich das deutsche Kontingent dort in irgendeiner Weise „verheizen“ lassen.

          Nach diesem Auftakt bietet das Buch eine Art Walkürenritt durch hundert Jahre amerikanischer Spionage und Propaganda gegen Deutschland. Die transatlantische Politik weist auf dieser Ebene genügend pittoreske bis gruselige Episoden auf. Die Autorin lässt sie sich nicht entgehen. Mitunter liest sich das auch ganz spannend. Aber die politischen Beziehungen zwischen Amerika und Deutschland darauf zu reduzieren und die Politik als eine Art sinistre Freakshow darzustellen, das verzerrt die Perspektiven wie ein Spiegelkabinett in einem Kirmeszelt.

          Im ersten Kapitel kommt sie nicht umhin, den Brennpunkt ihres Berichts zu erweitern, denn im Ersten Weltkrieg mussten die Vereinigten Staaten ja erst durch die Briten propagandistisch sturmreif geschossen werden. Die Deutschen seien viel zu naiv gewesen, um erfolgreich dagegenzuhalten. Allerdings seien die Deutschen in Spionage- und Sabotageangelegenheiten viel besser gewesen. Auch im Zweiten Weltkrieg macht die Autorin eine Art naive Pfadfindertreue der Deutschen aus, nämlich des deutschen Widerstandes gegen Hitler. Deren Vertreter versuchten erfolglos, mit den Westalliierten zu verhandeln, und hätten nicht begriffen, dass diese weniger Interesse am Frieden, sondern erst einmal an Beute gehabt hätten. Man hätte von deutscher Seite besser gleich mit Stalin verhandeln sollen.

          Nach 1945 installierte Amerika mit Organisationen wie die „Atlantikbrücke“ Propaganda-Brückenköpfe im besiegten Deutschland. Den Anfängen der Atlantikbrücke gesteht die Autorin eine gewisse Ehrenhaftigkeit zu. Aber dann hätten bald „die Machtmenschen“ das Ruder übernommen. Zu dieser Spezies zählt sie unter anderem auch - für eine Journalistin, die für „Die Zeit“ berichtet, etwas überraschend - den Mitherausgeber jenes Blattes, Josef Joffe, auf den sie immer mal wieder spitze Bemerkungen abschießt. Die beiden letzten Kapitel gehen auf den Irak-Krieg gegen das Regime Saddam Husseins ein („Rache für 9/11“) und berichten von den durch Edward Snowden und anderen öffentlich gemachten globalen Überwachungsmechanismen der NSA und anderer westlicher Geheimdienste.

          Als Grundmotiv für die alle Grenzen zwischen Politik, Medien und Unterhaltung verwischende Propaganda- und Spionagepolitik Washingtons macht Schweitzer die Absicht aus, das „gesamte 20. Jahrhundert bis zurück zum Frieden von Brest-Litowsk“ rückgängig zu machen. So weit geht heute nicht einmal der russische Propagandaapparat. Steile Thesen können ganz schön abschüssig sein!

          Das unterhaltsam geschriebene und anekdotenreiche Buch beruht auf dem Studium von einschlägigen Büchern, Artikeln und Websites, bringt also nicht unbedingt viel Neues. Dagegen ist nichts einzuwenden. Wohl aber gegen die hier vorgenommene Konstruktion einer ungezähmten Weltpolitik Amerikas gegen alle, die sich ihm entgegenstellen. Auf diese Weise ist eine Karikatur der Politik Washingtons entstanden. Wir sollten aufpassen, dass solche Zerrbilder Amerikas den Blick auf dieses Land und seine Politik nicht zunehmend vernebeln. Propaganda und Spionage gehören zur Außenpolitik wie Wahlkampf zu Wahlen. Dass dabei viel gelogen wird und die Grenzen der Legalität überschritten werden, darf und soll aufgedeckt werden. Wer jedoch wie die Autorin von der Prämisse ausgeht, in der Politik werde grundsätzlich immer und von allen gelogen, aber hauptsächlich von den Amerikanern, lässt politische Urteilskraft vermissen und trägt wenig zur Aufklärung bei.

          Eva C. Schweitzer: Amerikas Schattenkrieger. Wie uns die USA seit Jahrzehnten ausspionieren und manipulieren. Piper Verlag, München 2015. 416 S., 23,70 €.

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