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Frühgeschichte der NSDAP : Hitlers Ei und Eckarts Peer

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Das Aquarell „Blumenstillleben“ und die Zeichnung „Mädchenporträt, die Adolf Hitler zugeschrieben werden, sind am 12.06.2015 in einem Auktionshaus in Nürnberg zu sehen. Bild: dpa

In der Phase von November 1918 bis Ende April 1919 stützte ausgerechnet Adolf Hitler - „der streunende Hund“ - linke Revolutionäre in München und gehörte einer Einheit an, die Kurt Eisner „treu verbunden“ war. Darüber schwieg er sich in seinem 1925 erschienenen Buch „Mein Kampf“ aus.

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          Hitlers Wandlung „vom unbeholfenen Einzelgänger mit sich noch im Fluss befindlichen politischen Ideen zum charismatischen Führer mit extremistischen und antisemitischen Überzeugungen“ schildert Thomas Weber, der 2011 für seine akribische Studie über den Gefreiten im Weltkrieg viel Lob erhielt. Nun wirft er einen erfrischenden Blick auf die NSDAP-Frühgeschichte und wartet mit wichtigen Quellenfunden aus Hitlers Umfeld auf. In der Phase von November 1918 bis Ende April 1919 stützte Hitler - „der streunende Hund“ - linke Revolutionäre in München und gehörte einer Einheit an, die Kurt Eisner „treu verbunden“ war. Weber urteilt: „Hitler verteidigte ein Regime, von dem er später behauptete, es immer bekämpft zu haben.“ In „Mein Kampf“ beteuerte er einfach, „dass er zu dieser Zeit noch in Traunstein gewesen war“.

          Das „Rädchen im Getriebe des Sozialismus“ wechselte im Mai 1919 die Seiten. Zunächst gehörte er einer Untersuchungskommission des 2. Infanterieregiments an, die der Frage nachging, ob Mitglieder des Regiments „aktiven Dienst in der Roten Armee geleistet hatten“. Mitte Juli besuchte er einen von Hauptmann Karl Mayr geleiteten Propagandakursus; hier referierten der Generalstabsoffizier Karl Graf von Bothmer über die SPD, der Ingenieur Gottfried Feder über die Brechung der Zinsknechtschaft und der Historiker Karl Alexander von Müller über deutsche und internationale Politik. Müller und Feder waren übrigens verschwägert, Bothmer und Feder verfassten Artikel für „Auf gut deutsch“, die Wochenschrift von Dietrich Eckart, der zu Hitlers „einflussreichstem Mentor“ wurde.

          Erst durch Veröffentlichung der alliierten Friedensbedingungen am 7. Mai 1919 begriffen laut Weber viele Deutsche, „dass der Krieg nicht irgendwie unentschieden geendet, sondern dass Deutschland ihn tatsächlich verloren hatte“. Die Ratifizierung des Versailler Vertrages am 9. Juli war daher Hitlers „Damaskuserlebnis“: „Nur in der späteren Rückschau wurde der 9. November 1918 zum wichtigsten Datum im Leben Hitlers, sowohl aus opportunistischen als auch aus prinzipiellen Gründen.“ Das oberste „Indiz“ für die Juli-1919- Datierung ist der „sehr hohe Grad der Übereinstimmung seiner späteren politischen Ideen mit vielem von dem, was er im Verlauf seines Propagandakurses“ in sich aufnahm. Er „klaubte sich aus dem Sortiment, das ihm im Verlauf des Propagandakurses präsentiert wurde, Bausteine für die Errichtung seines eigenen Ideen-Gebäudes heraus“. Anschließend hielt er Vorträge im Auftrag der Reichswehr, ließ sich von Anton Drexler für die Deutsche Arbeiterpartei (DAP) einspannen. Und Drexler machte ihn auch mit Eckart bekannt.

          Eckart sah seinen Antisemitismus „in erster Linie als Ablehnung einer Geisteshaltung“ - ähnlich wie Houston Stewart Chamberlain: „Kurz gesagt, bedeutete Jüdischsein für Chamberlain, an bestimmten Ideen festzuhalten, von denen Juden wie Nichtjuden durchdrungen sein konnten. Wenn er vom schädlichen Einfluss der jüdischen Rasse sprach, hatte er das Ziel vor Augen, diese Ideen von der Welt zu vertilgen.“ Weber spricht von „metaphorischem Antisemitismus“. Nahm der frühe Redner Hitler seinen „Alles-oder-nichts-Antisemitismus“ noch metaphorisch oder schon wörtlich? „Niemand kann in Hitlers Kopf schauen“, räumt Weber ein und verweist auf „Verhaltensmuster“.

          Erstmals am 17. April 1920 forderte Hitler in einer Rede „einen Diktator, der ein Genie ist“. Eckart soll ihn dazu ermutigt haben. Und Weber lüftet sogar ein Bio-Kraft-Rezept Hitlers: Um sich „die nötige Energie zu verschaffen, verrührte er oft ein rohes Ei mit Zucker in einem zylinderförmigen Metallgefäß und nahm diese Mischung direkt vor der Rede zu sich“. Am 29. Juli 1921 setzte sich Hilter gegenüber Drexler in der NSDAP (so hieß jetzt die DAP) durch mit der von Eckart unterstützten Forderung, „den Posten des 1. Vorsitzenden mit diktatorischer Machtbefugnis“ zu bekommen. Eckart sah laut Weber „in Hitler die Verkörperung des Protagonisten aus seinem größten Bühnenerfolg, ,Peer Gynt‘. Eckarts Stück war eine Adaption von Henrik Ibsens Drama, in dem der Protagonist Peer Gynt sein norwegisches Heimatdorf verlässt, um ,König der Welt‘ zu werden.“ Bei Ibsen kehrt Peer Gynt in Schande in seine Heimat zurück, in Eckarts Version als ein Held, „weil er die Welt der Trolle herausfordert, die für Eckart das Judentum symbolisieren“. Als ein „deutscher Peer Gynt“ dürfe Hitler nicht davor zurückschrecken, Gewalt anzuwenden und bestehende Normen zu brechen - so Eckarts Rat an ihn im Sommer 1921.

          Nach dem Putschversuch Ende 1923 war der Münchener Prozess 1924 weit wichtiger für Hitlers Erfolg als die spätere Publikation von „Mein Kampf“, betont Weber: „Mit einem Schlag wurde Hitler mitten auf die nationale Bühne katapultiert“, der „regionale Tribun“ stieg auf zur „Persönlichkeit mit einem nationalen Profil“.

          Thomas Weber: Wie Adolf Hitler zum Nazi wurde. Vom unpolitischen Soldaten zum Autor von „Mein Kampf“. Propyläen Verlag, Berlin 2016. 528 S., 26,- €.

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