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Thomas Kielinger: Winston Churchill : Esel zwischen Büffel und Bär

  • -Aktualisiert am

Winston Churchill und der Big Ben in der Londoner Morgendämmerung Bild: Reuters

Hinter Winston Churchills große Bühne blickt Thomas Kielinger und findet die „Animal Farm“.

          5 Min.

          Britische Fans wissen, dass 2015 Churchill-Jubiläen bevorstehen: Zum 50. Mal jährt sich der Todestag (24. Januar), zum 60. Mal der Rücktritt als Premierminister (5. April), zum 70. Mal die Abwahl während der Potsdamer Konferenz (26. Juli), zum 75. Mal die erste Ernennung zum Premierminister (10. Mai), zum 100. Mal der Rückzug als Erster Lord der Admiralität wegen des Dardanellen-Desasters (18. Mai). Seit 1911 leitete der Riesenstaatsmann wichtigste Ressorts - nur nicht das Foreign Office. Jedoch konnte er in der Downing Street von 1940 bis 1945 und von 1951 bis 1955 außenpolitische Linien vorgeben. Jetzt will Thomas Kielinger deutschen Lesern „die singuläre Gestalt Winston Churchills vertrauter“ machen.

          In 28 Kapiteln erzählt er einfühlsam die wechselvolle Lebensgeschichte und schöpft aus Churchills Bücher- und Redenflut, zahlreichen Quellenpublikationen und Dutzenden von Biographien. Prägnante Zitate vergegenwärtigen den „unverbesserlichen Egozentriker“, der als Heranwachsender die große Aufgabe suchte, um in die Fußstapfen seines berühmten Vorfahren, des Herzogs von Marlborough, treten zu können. „Soldat, Autor, Politiker“ heißt ein Kapitel, das den jungen Winston als frühen Meister der Selbstinszenierung zeigt, der es verstand, eigene Erlebnisse zu überhöhen und exzellent zu vermarkten. Dies steigerte sich im Laufe der Jahrzehnte: „Es war mehr als nur ein Quäntchen von einem Schauspieler an ihm, bestimmte Utensilien gehörten zur Marke Churchill, seit langem sorgfältig von ihm gepflegt - die Zigarre, der Gehstock, die Kollektion seiner Hüte und Zylinder, der rote Morgenmantel“ und das V-Siegesfingerzeichen.

          Aufschlussreich sind die Erkenntnisse über Churchill als Maler, auch über den Lehrmeister Sir John Lavery und dessen Frau Hazel. Sie riet dem Anfänger zum „breiten Pinsel“. Später beschrieb er in einem Essay seinen Kampf gegen Depressionen durch das Malen und seine Scheu vor der leeren Leinwand: „Das Malen eines Bildes ist, wie wenn man in eine Schlacht geht.“ Viel Zeit für Bilder, Bücher und Zeitungsartikel bekam er in den Jahren 1929 bis 1939, die er ohne Amt und ohne nennenswerte Anhänger verbringen musste. Eine „eindeutige Linie“ konnte der Biograph den Veröffentlichungen nicht entnehmen: „Tiefe Überzeugungen stehen neben Vorurteilen, Ambitionen neben Großmut, spielerischer Übermut neben situationsgerechtem Ernst.“ Nicht immer lag er richtig. Beispielsweise pries er 1933 den italienischen Diktator Mussolini als „den größten Gesetzgeber unter den Menschen“ und als „römisches Genie“. Hellsichtig war er bei Hitler. Sieben Wochen nach dessen Machtübernahme zeigte sich Churchill im Unterhaus beunruhigt über den „tumultuarischen Ausbruch von Wildheit und kriegerischem Geist“ und die „Verfolgung einer großen Zahl von Menschen allein aufgrund ihrer Rasse“.

          Der Politik des Appeasement gewann Churchill zunächst positive Seiten ab; aus einer Position der Stärke heraus erschien sie ihm als „großherzig und nobel“, ja als der „sicherste und vielleicht einzige Pfad zum Weltfrieden“. Neville Chamberlain agierte jedoch im Spätsommer 1938 bei der Krise um die Tschechoslowakei und beim Münchner Abkommen aus einer Position der Schwäche heraus, was Churchill sogleich als „fatal“ anprangerte, weil ein „starker Gegner“ auf diese Weise nur süchtig werde nach neuen Forderungen.

          Churchills Rückkehr in die große Politik ermöglichte letztlich Hitler. Nach dem deutschen Angriff auf Polen im September 1939 holte Chamberlain den fast 65jährigen ins Kabinett - als Ersten Lord der Admiralität, eine Position, die er 1914 bekleidet hatte. Churchill rief sofort einen Kampf aus, „um die ganze Welt vor der Pestilenz der Nazi-Tyrannei zu bewahren“ und die Rechte des Individuums zu retten. Im Mai 1940 stand der Krieger für die Freiheit an der Spitze der Regierung, konnte „maßgebende Weisungen“ erteilen und organisierte die gesamte Verteidigung. Dass der „Unruhegeist“ zehn Ideen pro Tag, aber nur eine gute hatte, belegen die Tagebücher des Generalstabschefs Alan Brooke: „Das Wunderbare ist, dass drei Viertel der Menschheit Churchill für einen großen Strategen hält, einen zweiten Marlborough, während das andere Viertel keine Ahnung hat, was für eine öffentliche Bedrohung er ist und während des ganzen Kriegsverlaufs war. Gut, dass die Welt davon nie erfährt und nie die tönernen Füße bei diesem übermenschlichen Wesen vermutet. Ohne Churchill wäre England mit Sicherheit verloren gewesen, mit ihm stand England ein um das andere Mal am Rand des Desasters.“

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