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Thomas Flemming: Gustav W. Heinemann : Aufstieg des Tüchtigen

  • -Aktualisiert am

Gustav W. Heinemann vor einer Bundeswehr-Ehrenformation (1971) Bild: Abb. aus dem bespr. Band

Gustav W. Heinemann machte schon Ende der 1930er Jahre die „Hohlheit und Nützlichkeitsgesinnung“ des liberalen Bürgertums, dem er sich einst selbst verbunden gefühlt hatte, für das Scheitern der Weimarer Republik verantwortlich.

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          Thomas Flemming glaubt zwei Kontinuitätslinien im Leben von Gustav Heinemann feststellen zu können: seinen christlichen Glauben und - noch wichtiger - sein Streben nach einer „bürgerlichen Existenz“, deren spezifische Ausprägung er darin sieht, dass dieser sich als „Citoyen“ in der „Tradition der bürgerlichen Freiheitsbewegung von 1848“ verstanden habe. War ein an Brüchen, Verwerfungen und Neuanfängen so reiches Leben wie das Heinemanns tatsächlich so geradlinig? Wer die Biographie, in der Flemming zumeist den tradierten Erzählmustern und Deutungen von Heinemanns Leben und politischem Wirken folgt, liest, stößt immer wieder auf Wegscheiden und Neuorientierungen, auf Widersprüche und Lernprozesse des Menschen und Politikers, an dem sich die Geister schieden, noch bevor er in das höchste Staatsamt gelangte. Der Bundespräsident, der laut Klappentext dem Vergessen entrissen werden soll, steht indes nicht im Zentrum der Biographie. Die längsten Kapitel widmet der Autor den Jugendjahren seines „Helden“ und dem Kämpfer gegen Adenauers Westbindung, über den man in der bereits vorliegenden Literatur schon viel erfahren konnte.

          Heinemann wuchs in einem republikanisch gesinnten und toleranten Elternhaus auf. Das Andenken an den Urgroßvater, der sich an der Märzrevolution 1848 beteiligt hatte, wurde in der Familie in Ehren gehalten. Der Student der Nationalökonomie und Jurisprudenz schloss sich 1919 der liberalen Deutschen Demokratischen Partei an. An der Marburger Universität, wo die rechten Korpsstudenten dominierten, gehörte er zu den wenigen, die bereit waren, die Republik offensiv zu verteidigen. Eine Demokratie, die der „Gleichmacherei“ Vorschub geleistet hätte, wäre allerdings seiner Ablehnung verfallen. Er erwartete von der Demokratie, dass sie die „Verwirklichung des Aufstiegs der Tüchtigen“ ermögliche.

          Der junge Heinemann war karrierebewusst. Als Sozius einer angesehenen Anwaltskanzlei und seit 1928 als Justitiar in den Rheinischen Stahlwerken verkehrte er schon bald in Kreisen des gehobenen Bürgertums von Essen. Zusammen mit seiner Frau Hilda lebte er in einem großen Haus, in dem Kindermädchen und Haushaltshilfen stets zu Diensten waren. Die schnelle Karriere ging bei Heinemann indes einher mit einem Selbstfindungsprozess. Unter dem Einfluss seiner Frau und des Pfarrers der evangelisch-reformierten Gemeinde Essen-Altstadt, Friedrich Graeber, entwickelte sich der fast bis zu seinem 30. Lebensjahr „religiös Unmusikalische“ zu einem gläubigen Christen, der in der Heiligen Schrift die alleinige Quelle der Offenbarung sah.

          Heinemanns ambivalentes Verhalten während der NS-Diktatur fasst Flemming unter den Begriff der „Doppelstrategie“. Als Mitglied der Presbyterianer-Gemeinde in Essen und der Bekennenden Kirche habe er sich gegen Eingriffe in die kirchliche Unabhängigkeit gewehrt, verfolgten Pfarrern und untergetauchten Juden geholfen; als Justitiar und seit 1936 als stellvertretendes Vorstandsmitglied in den Rheinischen Stahlwerken habe er jedoch seine bürgerliche Karriere in einem Betrieb fortgesetzt, der in die Kriegswirtschaft eingebunden war und Zwangsarbeiter ausbeutete. Ob Heinemann deswegen zumindest insgeheim Skrupel umtrieben, vermag der Autor nicht zu sagen, da die sich im Besitz der Familie befindenden Tagebücher aus dieser Zeit weiterhin unzugänglich sind. Allerdings verzichtete Heinemann 1936 auf einen Vorstandsposten im Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikat, weil dieser an die Bedingung geknüpft war, dass er sein aktives Engagement in der Bekennenden Kirche aufgab.

          Der Autor vermutet, dass Heinemanns Begrenzung seines aktiven Widerstands gegen die NS-Diktatur auf den Bereich der evangelischen Kirche einem „lutherischen Obrigkeitsverständnis“ geschuldet war. Das erscheint plausibel, zumal die Erklärung auch dadurch gestützt wird, dass Heinemann im November 1933 ein Schreiben an Hitler und Hindenburg richtete, in dem er gegen die Gleichschaltungspolitik der „Deutschen Christen“ protestierte. Es drängt sich dann freilich die Frage auf, ob der spätere Bundespräsident mit seiner dezidierten Ablehnung obrigkeitsstaatlichen Denkens und seinen Appellen zum „Bürgermut“ nicht auch Lehren aus seinem eigenen Fehlverhalten zog.

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