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Theodor Heuss: Der Bundespräsident. Briefe 1954-1959 : Hirn, Hoden und Heiterkeit

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Der erste deutsche Bundespräsident, Theodor Heuss, aufgenommen im Sommer 1958 in Stuttgart. Bild: dpa

Dass die Medien in den fünfziger Jahren gern die präsidiale Bescheidenheit hervorhoben, störte den eitlen Theodor Heuss maßlos, weil er darin eine „Verkitschung“ seiner Person und Amtsführung vermutete.

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          Der Bundespräsident war entsetzt. Ausgerechnet Thomas Dehler - FDP-Vorsitzender und früherer Bundesjustizminister - hatte den Außenamts-Staatssekretär Walter Hallstein mehrfach als Mann „ohne Hirn und ohne Hoden“ (nach anderer Überlieferung: „ohne Herz und ohne Hoden“) bezeichnet. Heuss schrieb am 28. November 1956 der fernen Geliebten Toni Stolper nach New York: „Das ist ziemlich wüst.“ Mittlerweile habe das Auswärtige Amt Strafantrag gegen Dehler gestellt. „Ich weiß nicht, wie die Juristen §-mäßig das ansehen: formale Beleidigung, Verleumdung oder sonst was.“ Allerdings befürchtete Heuss, der 1948/49 selbst FDP-Chef gewesen war, dass Dehler „die anständigen Leute aus der FDP verjagen und die Proleten halten oder sammeln“ werde: Es handele sich hier um den „Bierbank-Exzess eines Kleinbürgers, der ästhetisch einen Sammler-Snobismus pflegt“ - um „proletenhafte Geschmacklosigkeit, die sich in der Wiederholung offenbar für geistreich hält“.

          Dieser Brief endet wie folgt: „Schlafe wohl, mein süßes, liebes Weib - an Dich zu denken, Dich zu fühlen, ganz nahe, schenkt in aller Wirrnis die schöne, ruhige und dankende Freudigkeit.“ Das Schriftstück findet sich in dem „bis 2015 gesperrten, doch für die Herausgeber freigegebenen Bestand der Original-Korrespondenz“ im Bundesarchiv. Daraus waren bisher nur die von Stolper veranlassten „Abschriften unter Auslassung persönlicher und familiärer Passagen“ zugänglich, die im Jahr 1970 „stark gekürzt“ mit dem Titel „Theodor Heuss: Tagebuchbriefe 1955-1963“ veröffentlicht wurden. Das erwähnen die drei Editoren in ihrer konzisen Einführung zur Auswahl von 221 Schreiben, die exemplarische Themen der zweiten Amtszeit von Heuss behandeln.

          Im Gedankenaustausch mit Toni Stolper finden sich laut Vorwort „immer wieder persönliche Äußerungen von Heuss, die in anderer Korrespondenz - auch mit dem Sohn - rar sind. Heuss gesteht ihr gegenüber Schwächen und Krankheiten ein, thematisiert seine Beziehung zu Elly Heuss-Knapp und Fragen der Sexualität ebenso wie seine Haltung zum Tod und zur Religion.“ Über ein Dutzend Schreiben an Stolper sind jetzt abgedruckt, darunter jene Zeilen vom 28. Juni 1955, in denen der 71 Jahre alte Witwer seinen Gefühlen für die 65 Jahre alte Witwe freien Lauf lässt: „Ich umarme Dich, ziehe Deine Brust an mich und küsse Deine schönen tiefen Augen.“ Eine erläuternde Anmerkung zum Dokument zeigt, was exakte historische Recherche heutzutage zu leisten vermag: „Heuss und Toni Stolper hatten sich nach der Gedenkfeier zu Schillers 150. Todestag am 8.5.1955 in Stuttgart ihre Liebe gestanden.“

          Anderthalb Jahre später versuchte Stolper den Präsidenten davon zu überzeugen, dass Bertolt Brecht wegen mangelnder Begabung nicht in die Sammel-Biographie „Die großen Deutschen“ gehöre; damit konnte sich Heuss allerdings bei seinen Mitherausgebern Hermann Heimpel und Benno Reifenberg offensichtlich nicht durchsetzen. Und Wolfgang von Tirpitz beschwerte sich - ohne Erfolg - darüber, dass in der Neuauflage der „Großen Deutschen“ sein Vater, Großadmiral Alfred von Tirpitz, gestrichen worden sei, was eine Herabsetzung der alten kaiserlichen Marine bedeute. Heuss wies aber weit von sich, dass er „qua Bundespräsident Zensuren in die deutsche Vergangenheit entsende“. Jedoch habe Tirpitz Ende 1914 ein „alarmierendes Interview über die kommende Führung des Marinekrieges“ gegeben. Und dessen Funktion an der Spitze der Deutschen Vaterlandspartei habe von 1917 an „ein sehr nachwirkendes Element für die innere Spaltung des deutschen Volkes bedeutet“.

          Repräsentation der Bundesrepublik im Ausland, Praxis der Ordensverleihung und Probleme der Kriegsauszeichnungen, Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit (Interventionen bei den Alliierten für die Begnadigung verurteilter deutscher Täter sowie Gesten der Versöhnung für die Opfer der brutalen deutschen Besatzungspolitik in Griechenland und in Italien), Impulse in der Innen- und in der Wissenschaftspolitik und immer wieder Beschwerden bei Zeitungen und Zeitschriften über deren Berichterstattung - das sind einige rote Fäden in einem Band, der durch Personen- und Sachregister sehr benutzerfreundlich erschlossen ist. Dass die Medien damals gern die präsidiale Bescheidenheit hervorhoben, störte den eitlen Heuss maßlos, weil er darin eine „Verkitschung“ seiner Person und Amtsführung vermutete. Und manche Staatsoberhaupts-pflichten behagten ihm gar nicht. Lustig machte er sich beispielsweise privatim über die „Jägerei“ der Diplomaten und deutschen Staatsmänner: „Nebenform von menschlicher Geisteskrankheit.“ Er plauderte bei Staatsjagden nur mit den Teilnehmern: „Ich habe nie eine Flinte in die Hand genommen und mir nie, wie alle anderen, ein Jagdkostüm angeschafft, sondern spaziere im Straßenanzug.“

          Theodor Heuss: Der Bundespräsident. Briefe 1954-1959. Herausgegeben und bearbeitet von Ernst Wolfgang Becker, Martin Vogt und Wolfram Werner. Verlag Walter de Gruyter, Berlin 2013. 710 S., 39,95 €.

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