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Sünden und Sündenböcke : Die „Ausverkaufsanstalt“

  • -Aktualisiert am

Ein verwitterter Schriftzug in Magdeburg, aufgenommen im November 2013, 27 Jahre nach der Deutschen Einheit. Bild: dpa

Die „Nachwendezeit“ hat in Ostdeutschland Wunden geschlagen. Symbol dafür war nicht zuletzt die Treuhandanstalt.

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          Die DDR war unbekannt. Man besichtigte nach der Wiedervereinigung 1990 mit erstauntem Blick ein marodes Industriemuseum. Wirtschaftslage und Wettbewerbssituation der DDR konnten 1989 nicht richtig eingeschätzt werden. Das galt nicht nur für westdeutsche, sondern auch für ostdeutsche Analysen. Wie sollte aus westdeutscher Sicht eine realistische ökonomische Eröffnungsbilanz gemacht werden, wenn alle Zahlenwerke der DDR überhaupt keinen Realitätsbezug hatten? Führende Wirtschaftsinstitute errechneten, dass die DDR bald ihren Finanzierungsbedarf aus dem eigenen Wachstum werde erwirtschaften können. Manch einer sprach 1989/90 vom „Schnäppchen DDR“ (Günter Grass). Der Verkaufswert von über 9000 Unternehmenseinheiten mit mehr als 40 0000 Betriebsstätten in der ehemaligen DDR wurde von der Treuhandanstalt mit 600 Milliarden D-Mark im Herbst 1990 angegeben. Es dauerte nicht einmal mehr ein weiteres Jahr, bis klarwurde, dass die Treuhand keinesfalls mit Gewinn, sondern mit einem gigantischen Verlust ihre Arbeit beenden würde. Das trat dann mit der Auflösung der Treuhand am 31. Dezember 1994 ein.

          Die frei gewählte Volkskammer der DDR hatte rechtlich die Treuhandanstalt eingesetzt. Deren einzige Aufgabe: früher „volkseigene“ Betriebe so zu strukturieren, dass sie im Wettbewerb bestehen konnten. Anschließend sollten sie privatisiert werden. Dafür gab es weltweit kein Vorbild, an dem man sich hätte orientieren können. Man stand vielmehr vor der historisch einzigartigen Aufgabe, eine zentralwirtschaftlich organisierte Wirtschaftsstruktur der ehemaligen DDR in die sozial und marktwirtschaftlich gestaltete Ordnungsform der Bundesrepublik Deutschland zu transformieren.

          Der junge Historiker Marcus Böick erinnert daran wortgewaltig in einem voluminösen Werk über die Treuhandanstalt. Sein Blick gilt seismographisch dem Personal, nicht der ökonomischen Bilanz. Solche Anstalten des öffentlichen Rechts sind nie nur zweckrationale Organisationen. Menschen arbeiten dort, soziale Strukturen führen deshalb oft ein zweckfreies Eigenleben. Wir wissen heute, dass Akteure jeweilige Institutionen formen. Aber jede Organisation hinterlässt auch Spuren bei den Mitarbeitern. Insofern widmet sich Böick einem Forschungsgegenstand, der in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich ist.

          Als Gutachter für den Ostbeauftragten der Bundesregierung ist der Autor bereits erfahren genug, um das Minenfeld behutsam zu sichten. Denn die Treuhandanstalt ist nicht irgendeine Abwicklungsbehörde in revolutionären Zeiten gewesen. Sie ist für viele Ostdeutsche bis heute das Codewort für den Ausverkauf, die Abwicklung, oft den Betrug an ihrem Vermögen. Die Treuhand machte aus der Bevölkerung der DDR Deutsche zweiter Klasse. Zumindest bleibt dieser Eindruck erinnerungsgeschichtlich relevant. Kaum einem Absatz im Buch fehlt dieses Narrativ tiefer Traumatisierung. Ob berechtigt oder nicht, interessiert den Autor nicht. Selbstbilder der Mitarbeiter stehen im Zentrum seiner Analyse.

          Im Westen existiert hingegen kein Wissen und auch kein Bild über diese Einrichtung vom Anfang der neunziger Jahre. Wenn Erinnerungen aufkommen, dann eher im Zusammenhang mit der Ermordung des Treuhand-Chefs Rohwedder im April 1991. Die RAF-Terroristen sahen in der Treuhand symbolhaft verdichtet die Institution des zu bekämpfenden Kapitalismus.

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