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Suche nach einem Ausweg : Auswege aus der „Rottweiler-Gesellschaft“

Stahlstadt Sheffield: Noch immer wird in einer der Metropolen des englischen Kapitalismus produziert Bild: AFP

Die Welt verändert sich rasch. Ein Entwicklungsökonom versucht dem Prozess System zu verleihen.

          Wenn alle aufgeregt sind – die „Gelbwesten“ in Frankreich, die Wutbürger in Deutschland, der amerikanische Präsident im Weißen Haus –, dann wirkt der Unaufgeregte wie ein Verrückter. Er will nicht die radikale Lösung eines Problems, sondern pragmatisch analysieren. Die Antwort des Unaufgeregten ist oft komplizierter als die derjenigen, die laut herumschreien. Wenn eine Turnhalle abbrennt und die Feuerwehr es nicht schafft, den Brand rechtzeitig zu löschen, ist die Lösung nicht die, alle Turnhallen abzureißen, sondern sie feuerfester und die Feuerwehr stärker zu machen. Es ist die pragmatische Antwort auf ein Problem. Die ist aber in der Regel nicht schnell durchzusetzen, und billig ist sie oft auch nicht. Pragmatismus ist mühsam, wenn so wirklich eine Antwort gefunden werden soll.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Als in Oxford lehrender Entwicklungsökonom hat sich Paul Collier intensiv mit den ärmsten Ländern der Welt beschäftigt und damit, welchen Zusammenhang es zwischen Armut, Krieg und Migration gibt. Jetzt kehrt Collier publizistisch zurück in seine Heimat – und will die zerrissenen Gesellschaften in Großbritannien, Deutschland, Frankreich und den Vereinigten Staaten wieder kitten.

          Das gelingt laut Collier nur mit dem kühlen Kopf des Pragmatismus, denn Ideologen und Populisten zehrten ja von genau der Angst und Wut, die durch die Verwerfungen in den Gesellschaften erzeugt worden seien. Collier beobachtet drei Spaltungen: zwischen entwickelten und nicht entwickelten Weltregionen, zwischen gut gebildeten Eliten und abgehängten Geringverdienern, zwischen Metropolen und der Provinz. Diese Analyse ist inzwischen fast Allgemeingut; kaum jemand würde wohl noch behaupten, dass in einer Gesellschaft alles in Ordnung ist, wenn sich Zehntausende Bürger eine gelbe Warnweste überziehen und gegen ihren Präsidenten und dessen Politik auf die Straße gehen. Der „Gelbwesten“-Bewegung mag es zu Anfang um wirtschaftliche Probleme gegangen sein, schließlich wurde aber deutlich, dass sich einige Bürger von „denen in Paris“ überhaupt vernachlässigt und im Stich gelassen fühlten. Es geht um eine umfassende Krise.

          Colliers Ausgangspunkt ist dabei immer der Kapitalismus, der reformiert werden müsse. Der Kapitalismus habe in den vergangenen 40 Jahren zu viele Menschen zurückgelassen. Er habe die Gesellschaft kaput gemacht – aber er könne sie auch wieder heilen. „Der Kapitalismus löste sein wichtigstes Versprechen – einen ständig steigenden Lebensstandard für alle – immer weniger ein: Einige profitierten weiterhin, aber andere wurden abgehängt.“ Collier will den Kapitalismus nicht abschaffen, sondern ihn in bestimmte Bahnen lenken. „Wenn der Kapitalismus für jeden funktionieren soll, muss er so gesteuert werden, dass er sowohl dem Bedürfnis nach sinnerfüllender Tätigkeit als auch Produktivitätserfordernissen Rechnung trägt.“ Dem Ökonomen geht es nicht nur darum, vereinfacht gesagt, wie Geld verdient und ausgegeben wird. Er betrachtet den Kapitalismus als das alle Lebensbereiche durchdringende Gesellschaftsmodell, das er auch ist. Deswegen handelt Colliers lesenswertes Buch nicht nur vom Kapitalismus, sondern auch von Heimat.

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