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Willy Brandt als Außenminister : Der Suchende und Tastende

  • -Aktualisiert am

Partner und Gegner: Bundeskanzler Kurt-Georg Kiesinger und Außenminister Willy Brandt Bild: picture alliance / ASSOCIATED PR

Kein Lesevergnügen, aber eine wichtige Studie über die Zeit der Großen Koalition, als Willy Brandt als Außenminister die Ostpolitik in die Wege leitete.

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          Obwohl es eine Reihe von Willy-Brandt-Biographien gibt, steht ein großes wissenschaftliches Opus über die „sozialdemokratische Jahrhundertgestalt“ noch aus. Maak Flatten erhebt den Anspruch, mit seiner Studie über Brandt als Außenminister in der Zeit der Großen Koalition von 1966 bis 1969 „einen Markstein auf dem schwierigen Weg zu einer wissenschaftlich fundierten Biographie [. . .] zu setzen“. Auf den Außenminister fokussiert er sich, weil dieser bisher vom späteren Bundeskanzler und der „Ikone der deutschen Einheit“ „überstrahlt“ worden sei.

          Das umfangreiche Literaturverzeichnis am Ende des Buches zeugt allerdings davon, dass bereits eine dichte Forschungsliteratur über die Außenpolitik der Großen Koalition und die Entstehung der Ost- und Deutschlandpolitik vorhanden ist. Der Autor meint jedoch, dass in diesen Arbeiten eine „Reihe von Fragen“ unbeantwortet geblieben sei. Einen neuen innovativen Ansatz verfolgt er jedoch nicht. Er bewegt sich in einem traditionellen Interpretationsrahmen, wenn er Brandts Agieren im Außenministerium als eine „Scharnierzeit“ für die Ost- und Deutschlandpolitik des Bundeskanzlers der sozialliberalen Koalition begreift.

          Bild: Verlag

          Dies ist nicht zuletzt der Quellenauswahl geschuldet. Während er vor allem die Edition „Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland“, die Akten des Politischen Archivs des Auswärtigen Amts und den Nachlass Egon Bahrs, mit dem er auch mehrere Gespräche geführt hat, akribisch auswertet, zieht er Quellen aus ausländischen Archiven nicht zurate. Die Bewertung von Brandts Persönlichkeit und Politik durch ausländische Politiker kommt so vielfach zu kurz, seine Wahrnehmung im Ausland als der „andere Deutsche“ wird nicht thematisiert, obwohl sich ihm dadurch Handlungsmöglichkeiten eröffneten.

          Flatten konzentriert sich auf die Ost- und Deutschlandpolitik Brandts, während er die Europapolitik kursorisch behandelt. Brandts Politik innerhalb der NATO und Westeuropäischen Union wird insbesondere unter der Perspektive „Versöhnung von Entspannungs- und Bündnispolitik“, die im Harmel-Bericht ihren Niederschlag fand, in den Blick genommen.

          Das Ergebnis von Flattens Studie, dass aufgrund der „intransigenten Haltung des Ostens“ sowie der „Uneinigkeit der Koalitionspartner“ der „erwünschte Erfolg“ in der Ost- und Deutschlandpolitik ausblieb, ist in der Forschung weitgehend unumstritten. Minutiöser als die bisherige Literatur arbeitet er heraus, dass für Brandt seine Zeit als Außenminister eine Phase des „Suchens, des Tastens und des Tarierens“ war, in der er seine ost- und deutschlandpolitischen Konzeptionen entwickelte, die „sich nicht nur in Nuancen und Details, sondern grundlegend von den Positionen“ unterschieden, die er noch 1966 auf dem Dortmunder Parteitag der SPD eingenommen hatte. Eingehender als andere Studien betont er die Differenzen zwischen CDU/CSU und SPD sowie Brandt und Kiesinger und widerlegt so überzeugend eine Forschungsmeinung, die in Brandt einen Vollstrecker der von Kiesinger eingeleiteten Ostpolitik sieht. Dass der Konsens der Koalitionsparteien nicht erst nach der Niederschlagung des „Prager Frühlings“ zerbrach, zeichnet Flatten ebenfalls detailgenau nach.

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