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Stefan Samerski: Pancratius Pfeiffer, der verlängerte Arm von Pius XII. : Retter von Menschen und Städten

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Pater Pancratius Pfeiffer vor dem Petersplatz Bild: Abbildung aus dem besprochenen Buch, Stefan Samerski: Pancratius Pfeiffer, S. 226

Während der deutschen Besatzung Roms rettete Pater Pancratius Pfeiffer, Generaloberer des Salvatorianer-Ordens, im Auftrag von Papst Pius XII. Hunderten Bedrängten und Verfolgten das Leben.

          Pater Pancratius Pfeiffer war in der international ausgerichteten Ordensgemeinschaft der Salvatorianer der Nachfolger des Gründers, Pater Franziskus Maria vom Kreuze Jordan (1848-1918). Von 1915 bis 1945 stand er als Generaloberer dem Orden vor. Trotz vieler Zeitzeugenberichte ist kaum bekannt, was Pfeiffer, der am 12. Mai 1945 in Rom bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, während der neun Monate der deutschen Besatzung Roms leistete und bewirkte. Seine Vermittlungsaufgabe zwischen dem Vatikan und den deutschen Behörden war zu sensibel und zu folgenschwer.

          Stefan Samerski, der Kirchengeschichte in Berlin lehrt, fasst das Wirken des Ordensmannes so zusammen: „Pfeiffers Aktivität in der Zeit der deutschen Besetzung Roms war vielfältig und arbeitsintensiv. In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle ging es aber um lebenswichtige Fragen der stadtrömischen Bevölkerung, wie die Freilassung von Gefangenen, die Suche nach Vermissten, die Übersiedlung nach Rom oder die Verbesserung der Ernährungsgrundlage.“ Der Autor besuchte amerikanische, deutsche und italienische Archive; die wichtigsten Schriftstücke zum Thema „Deutsche Besatzung Roms“ gibt es sowohl im Original in Berlin als auch dechiffriert und übersetzt in Washington. Obwohl die Kriegsparteien damals - auch ohne Wikileaks - schon fast alles voneinander wussten, hatte der amerikanische Geheimdienst OSS aber Pater Pfeiffer nicht im Visier, denn: „Der Salvatorianer war bis 1943 und darüber hinaus der Mann im Hintergrund, ein stiller Arbeiter, ein unparteiischer Helfer, der unbeobachtet, unverdächtig und unbekannt seine Mittlerdienste auf höchster Ebene durchführen konnte.“

          Samerski wertete im Generalarchiv der Salvatorianer in Rom den gut geordneten Nachlass und die Personalakte Pfeiffers ausführlich aus. Die Studie ist „auf das humanitäre Wirken Pfeiffers in der Zeit der deutschen Besetzung fokussiert, die bislang nicht gründlich wissenschaftlich erforscht ist“. Dafür trug der Verfasser eine Unmenge aktueller Literatur zusammen. Sie wird in den Fußnoten systematisch und akribisch zitiert. Zum ersten Mal werden Namen und sogar die Anzahl der Menschen aufgelistet, die durch Vermittlung und Geschick von Pater Pancratius aus dem Gefängnis oder vor dem Tod gerettet oder einfach freigelassen wurden. Dieser Teil des Buches, mit so vielen Lebensschicksalen, übertrifft jenen Beitrag, den Robert Graham unter dem Titel „Pfeiffers Liste“ 1994 veröffentlichte. Der Anhang der Studie enthält eine - unvollständige - Liste von 30 Juden, denen Pfeiffer half. Weitere 404 Namen von bedrängten und gefährdeten Personen, die sich während der Besatzungszeit an Pater Pancratius gewandt hatten, hat Samerski mühevoll zusammengetragen. Recht dürftig und selektiv sind allerdings die benutzten Quellen und die Literatur zum Werdegang Pfeiffers (der am 18. Oktober 1872 in Brunnen bei Füssen/Allgäu geboren wurde) als angehenden Salvatorianer und über sein Amt als Generaloberer bis zu seinen Vermittlungsaktivitäten. So entstanden manche vermeidbare Fehler und auch unkorrekte Behauptungen.

          Generell finden sich in den Anmerkungen viel konkretere Informationen als im Haupttext, weil der Autor die lebendige „Kriegssprache“ der Quellen in die Fußnoten verbannt hat. Insgesamt ist es ihm jedoch gelungen, „die unterschiedlichen Positionen der deutschen Stellen - seien es die Botschaften, die Stadtkommandantur, die Heeresleitungen in Italien, die SS und Gestapo, verschiedene Stäbe oder die Berliner Behörden mit ihrer je eigenen Interessenlage - auseinanderzuhalten“. Hinter unzähligen recherchierten Daten und Personen tritt Pfeiffer als verlängerter Arm von Pius XII. klar hervor: „Die Palette seines neunmonatigen Wirkens war so vielfältig wie die damalige Notsituation: Pfeiffer rettete Juden und anderen Menschen in Rom und auswärts das Leben, spürte Vermisste auf, half mit überlebenswichtigen Auskünften, Passierscheinen und Empfehlungsschreiben, dolmetschte, organisierte Besuchererlaubnisse, flankierte Wiedergutmachungsansprüche und die Lebensmittelversorgung und rettete ganze Städte vor der Zerstörung.“

          Stefan Samerski: Pancratius Pfeiffer, der verlängerte Arm von Pius XII. Der Salvatorianergeneral und die deutsche Besetzung Roms 1943/44. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2013. 311 S., 29,90 €.

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